Warum ich Nasser treffen wollte
Weil ich besorgt bin, zutiefst besorgt über die Zukunft, das Schicksal des israelischen Volkes, des israelischen Staates. Ich war unmittelbar nach dem Krieg im Juni 1967 sicher, daß dieser außergewöhnliche militärische Sieg nicht den Frieden bringen würde. Ich wußte auch, daß Moshe Dayan umsonst auf den Anruf der arabischen Führer warten würde, mit dem er gerechnet hatte.
Weil die israelische Regierung mit Ausnahme der Formel „Direkte Verhandlungen ohne Vorbedingungen“ nichts Konkretes vorschlug, kein Friedensprogramm, keinerlei Hinweis auf ihre wirklichen Intentionen.
Zunächst müßte die Regierung in aller Eindeutigkeit die Resolution des Sicherheitsrates vom 22. November 1967 anerkennen, wobei sie ebenso wie Nasser hinzufügen kann, daß sie diese Resolution „ihrer eigenen Interpretation entsprechend“ anerkennt. Dies hätte den Vorteil, den Friedenswillen Israels klar auszudrücken und ihm dennoch freie Hand bei der Interpretation der Resolution des Sicherheitsrates zu lassen, die streckenweise ziemlich konfus und wahrscheinlich mit Absicht unpräzise ist.
Um diesen Friedenswillen zu konkretisieren, müßte die Regierung sodann ihre Absicht bekanntgeben, die besetzten Gebiete zu räumen, mit Ausnahme einiger kleinerer Grenzberichtigungen, und dies im Rahmen eines Abkommens, das beide Seiten binden würde. Die arabischen Staaten müßten ihrerseits das Ende des Kriegszustandes gegen Israel verkünden und Israel freie Schiffahrt im Suezkanal und im Golf von Akaba zusichern.
Genau. Das wäre noch kein Friedensvertrag, aber es könnte ein Weg zum Frieden sein. Wie im Fall der Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Japan. Sie haben noch keinen formellen Friedensvertrag unterzeichnet, aber leben dennoch miteinander in Frieden.
Das Abkommen zwischen Israel und den Arabern müßte auch die Entmilitarisierung der früheren besetzten Gebiete unter der Aufsicht der UNO vorsehen. Diese Entmilitarisierung von Zisjordanien und Sinai, die nur mit Zustimmung Israels und des betroffenen Staates beendet werden könnte, sowie die freie Schiffahrt müßten durch den Sicherheitsrat garantiert werden, mit anderen Worten durch die Großmächte, die die permanenten Mitglieder des Sicherheitsrates sind.
Das verstehe ich. Aber auch diesen Abzug, der das Hineinschlittern in den Krieg beschleunigt hat, hätte man vielleicht verhindern können, wenn David Ben Gurion 1956 auf mich gehört hätte. Er wollte den Vorschlag Hammarskjölds, UNO-Truppen an beiden Seiten der israelisch-ägyptischen Grenze zu postieren, nicht akzeptieren, mit der Begründung, dadurch würde die israelische Souveränität verletzt. Ich habe ihm gesagt, daß man diese Truppen nicht ohne Zustimmung beider Parteien, Ägyptens und Israels abziehen könnte, wenn er den Vorschlag des Generalsekretärs der UNO annähme. Die Geschichte hat es so gewollt, daß Präsident Nasser allein entscheiden konnte ... Dies alles soll nur zeigen, daß internationale Garantien nicht zu unterschätzen sind. Sicher kann man sie verletzen. Es gibt keine ewigen Garantien. Aber dies gilt auch für einen in aller Form unterzeichneten Friedensvertrag. Auch die Unterschrift auf einem Friedensvertrag kann zurückgezogen werden. Niemand kann das Gegenteil garantieren.
Sicher. Aber kann man einen psychologischen Wandel erzwingen, von außen durchsetzen? Frau Golda Meir hat vor kurzem erklärt, daß sie bereit wäre, die Regierung der nationalen Einheit zu beenden und in dieser Frage sogar Neuwahlen zu riskieren, wenn die Araber ihrerseits sich bereit erklären, mit Israel Frieden zu schließen.
Aber wenn man weiß, daß die Araber zu einem formellen Friedensschluß nicht bereit sind — und es in einer nahen Zukunft auch nicht sein werden — und daß es an Israel liegt, die entscheidende Initiative zu ergreifen, dann muß man dieses Risiko, von dem der israelische Premierminister sprach, sofort eingehen. Ich glaube, daß die israelische Regierung ihre Entscheidung, bis zu direkten Verhandlungen mit den Arabern „nichts zu entscheiden“, rückgängig machen muß, daß sie ihr Schweigen brechen muß und daß sie ihre Minimalbedingungen für eine friedliche Regelung des Konflikts bekanntgeben muß.
Was die Golanhöhen betrifft, glaube ich, daß Syrien in diesem Punkt die Position Israels erleichtert. Ein sowjetischer Diplomat sagte mir: „Damaskus anerkennt die Resolution vom 22. November nicht, Damaskus lehnt jede politische Lösung ab, nicht? Israel kann daher dieses eroberte Gebiet behalten.“
Ein internationaler Status für Jerusalem, ein israelisches Jerusalem ohne Stacheldraht, in dem die jüdische Bevölkerung in der Mehrheit ist und das die Hauptstadt des Landes bildet, dies scheint mir möglich und vernünftig.
Bei der Behandlung des „Palästinaproblems“ halte ich eines für unerläßlich: daß die Palästinenser bei jeglichem Abkommen beigezogen werden: Sie müssen als Partner an allen Diskussionen über die Beendigung des gegenwärtigen israelisch-arabischen Konflikts teilnehmen. Wenn die israelischen Truppen aus Zisjordanien abgezogen werden, müssen sie sich entscheiden, ob sie wieder nach Jordanien zurückgehen wollen, in aller Autonomie, oder ob sie einen eigenen Staat errichten wollen, der sich mit Jordanien föderiert, oder ob sie sich für eine andere Lösung entscheiden.
Ich bin gegen eine Föderation Israel-Palästinaa denn eine solche Föderation wäre naturgemäß von Israel beherrscht und daher für jeden arabischen Patrioten unannehmbar.
Ich bin auch gegen einen Einheitsstaat. Die Araber würden darin rasch die Mehrheit erlangen, das Land würde aufhören, ein jüdisches Land zu sein, die jüdische Kultur würde verschwinden, Israel könnte nicht mehr der Hafen für die in der ganzen Welt verfolgten Juden sein.
Sie wissen, daß die israelische Regierung nicht einmal wollte, daß ich als Privatperson nach Kairo fahre, weil sie meine Ansichten nicht billigt. Wie hätte sie mich dann als Verhandlungspartner akzeptiert? Ich hätte es übrigens nicht tun können, es wäre gegen mein Gewissen gewesen. Ich bin kein Berufsdiplomat, der eine Auffassung im Gegensatz zu seinen persönlichen Überzeugungen verteidigen kann.
Wenn der ägyptische Präsident Interesse an meinem Besuch und wenn er mir etwas zu sagen gehabt hätte, hätte ich dies der israelischen Regierung berichtet. Dies hätte der Anfang von etwas sein können, das uns aus der gegenwärtigen Sackgasse möglicherweise herausgeführt hätte. Dies wäre sicherlich einen Versuch wert gewesen, wenn man den Ernst der Lage sieht, die derzeit völlig blockiert zu sein scheint. Deswegen bedaure ich die Entscheidung von Frau Golda Meir.


