Café Critique, Jahr 2007
Juni
2007

Tony Judt — ein europäischer Ideologe als sozialdemokratischer Vordenker zur Delegitimation Israels

Zum Vortrag Judts im Bruno Kreisky Forum

Tony Judt hat einen über tausend Seiten starken Wälzer vorgelegt, die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart. Der Zweite Weltkrieg ist ihm darin eine allgemeine „Katastrophe, in die Europa sich gestürzt hatte“ und die irgendwie allerlei Opfer produzierte. Wer will es da schon genauer wissen, zumal es von „den Vorstellungen einiger hochrangiger Nazis abgesehen“ im Krieg doch gar „nicht um die Juden“ gegangen sei, und „die größten materiellen Zerstörungen“ ja auch gar nicht von den Deutschen verursacht worden seien, sondern durch „die beispiellosen Luftangriffe der Westalliierten in den Jahren 1944 und 1945“ und den „unerbittlichen Vormarsch der Roten Armee nach Westen“.

Doch auch wenn es in der Nazi-Zeit nicht so sehr „um die Juden“ gegangen sei, ist Judt die Erinnerung an die Shoah zentral für die europäische Identitätsfindung. Wenn es tote Juden sind, die das ideologische Gefüge in Europa zusammenhalten sollen, stören die lebenden umso mehr. Deshalb ist Judt Israel ein Dorn im Auge. Der Staat der Shoahüberlebenden sei „ein verspätetes Gebilde“, wusste Judt schon 2003, ein „typisches separatistisches Projekt des späten 19. Jahrhunderts“, das „in eine Welt importiert“ worden sei, „die sich weiterentwickelt hat“ — und zwar „in eine Welt der Menschenrechte, der offenen Grenzen und des Völkerrechts“. Dass es seit 1948 noch diverse Staatsgründungen gab und insbesondere nach 1989 so ziemlich jedes Völkchen eigene Pässe drucken durfte, ficht den Historiker ebenso wenig an wie die Tatsache, dass die meisten Flüchtlinge von Judts „offenen Grenzen“ noch nicht allzu viel gesehen haben dürften. Die „Idee eines ’jüdischen Staates’ an sich“ habe „ihre Wurzeln in einer anderen Epoche und in einer anderen Region“. Das heißt: „Israel ist, kurz gesagt, ein Anachronismus“, in dem sich „eine Volksgruppe - eben die jüdische — über die anderen erhoben hat. Obwohl heute für einen solchen Staat eigentlich kein Platz mehr ist.“

Solche Sätze hört man im Europa des Völkerrechts, der Menschenrechte und der offenen Grenzen gerne, zumal dann, wenn sie aus dem Mund eines als seriös geltenden Wissenschaftlers kommen. Am Dienstag, den 12. Juni, wird Judt in Wien im sozialdemokratischen Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog die Frage erörtern: „Is Israel (still) good for the Jews?“ — und wenn heute „für einen solchen Staat eigentlich kein Platz mehr ist“, muss man sich nicht auf eine Reise in die Armbrustergasse begeben, um Judts Antwort zu erfahren.

Nun ist es alles andere als ein Irrtum, wenn sich eine sozialdemokratische Institution in Österreich einen wie Tony Judt einlädt, und solch eine Veranstaltung aus „den Mitteln der Republik Österreich und der Stadt Wien“ gefördert wird. Am 22. April wurde im Theater in der Josefstadt zu einer Matinee zum Thema „Frauen gegen Terror“ geladen. Unter den Geladenen, die über „eine Kultur des Friedens in einem Klima der Angst“ sprechen sollten, befand sich Zeinab al Saffar, „junges weibliches Gesicht“ des Beiruter Senders al Manar. Als solche kann sie zwar wenig über die Kultur des Friedens sagen, muss aber zumindest bei den Themen Angst und Terror als Expertin gelten: Al Manar ist der Propagandasender der Hisbollah. Die Verharmlosung dieser Terrororganisation, deren Ziel die Vernichtung Israels und die Errichtung eines Gottesstaates nach iranischem Vorbild ist, gehörte zum Programm des Vormittags in der Josefstadt. Ein „Dialog“ sollte eröffnet werden, um „Stimmen der Frauen zu hören, die Zielscheiben, Opfer, Zeitzeuginnen und Friedensaktivisten“ seien. Zu welcher dieser Kategorien wohl die Sprecherin eines Senders zählt, der eine mehrteilige Verfilmung der „Protokolle der Weisen von Zion“ in arabische Haushalte ausstrahlt?

Wie der Standard berichtete, sah sich die Veranstalterin der Matinee außer Stande, auch eine Israelin zur Diskussion zu laden. Der Grund? „Bis zu fünf Jahre Haft verhängt die libanesische Hisbollah, wenn Landsleute mit Israelis in einem Raum zusammentreffen.“ Niemand fragte nach, warum die Vertreterin einer Partei eingeladen wurde, deren Schergen ihrem Wahn folgend Menschen einsperren und somit auch klar machen, wie wenig sie sich um die Souveränität des libanesischen Staates scheren. Niemanden störte es, dass keine israelische Frau eingeladen wurde, nur weil eine antisemitische Mörderbande sonst beim „Dialog“ nicht dabei gewesen wäre; eine Gruppierung, deren Anführer Hassan Nasrallah einmal verkündete, er befürworte die Ansiedelung aller Juden in Israel, weil man sie dann nicht weltweit verfolgen müsse. Schließlich schien es auch niemanden zu verstören, dass eine derartige Veranstaltung von keinem geringeren als dem SPÖ-Vorsitzenden und Bundeskanzler Alfred Gusenbauer eröffnet wurde.

Ende April gab dann die OMV bekannt, dass sie mit dem Iran ein Grundsatzübereinkommen getroffen hat, sich am iranischen Erdgasgeschäft mit rund 22 Milliarden Euro zu beteiligen. Mit diesem Geschäft würde das Regime von Teheran zu einem strategischen Partner der österreichischen Energiepolitik. Obwohl die iranische Führung intensiv an einem Programm zur Herstellung von Nuklearwaffen arbeitet und keine Gelegenheit auslässt, die Welt darüber in Kenntnis zu setzen, gegen wen sich dieses Waffenarsenal richten würde, fanden alle österreichischen Parteien an dem Deal der OMV im wesentlichen nichts auszusetzen und nahmen diese explizit gegen Kritik aus den USA in Schutz. Bedenken über die Zusammenarbeit mit der blutigen Tyrannei der Mullahs, in der Frauen wegen „Ehebruches“ gesteinigt und Homosexuelle aufgehängt werden, kamen nicht auf. Auch dass Präsident Ahmadinedjad ein ums andere Mal die „Auslöschung“ Israels fordert, ist noch lange kein Grund, ein gutes Geschäft zu verpassen. Dass ein effektiver Wirtschaftsboykott möglicherweise der einzige nichtmilitärische Weg wäre, um die iranische Bombe vielleicht noch zu verhindern, ist der österreichischen Politik unter SPÖ-Kanzler Alfred Gusenbauer keinen Gedanken wert.

Kurz danach folgte der nächste Schritt. Per Presseaussendung gab der EU-Abgeordnete Hannes Swoboda am 9. Mai bekannt, dass die sozialdemokratische Fraktion im Europaparlament einstimmig einen „radikalen Kurswechsel in der Nahostpolitik“ fordere. Kern dieses Kurswechsels müsse die Anerkennung der Hamasgeführten palästinensischen Regierung sein. Europa dürfe „weder im Schlepptau Israels noch der USA agieren.“ Ausgerechnet durch die Unterstützung der palästinensischen Autonomiebehörde unter Leitung der djihadistischen Hamas werde die „Möglichkeit eines Friedens in dieser Region“ gewahrt. Swoboda forderte also im Namen der SPE-Fraktion nichts anderes, als selbst jene Minimalforderungen über Bord zu werfen, die auch die EU bislang als Voraussetzung einer direkten Zusammenarbeit mit der Hamas betrachtet: Einstellung des Terrors, Anerkennung Israels, Akzeptanz bisheriger Verträge zwischen Israel und den Palästinensern. Selbstverständlich durfte auch der zynischste aller Hinweise aus dem Standardrepertoire der europäischen „Israelkritik“ nicht fehlen: All das sei nur im Interesse Israels. Nachdem Gusenbauer mit einer Vertreterin der antisemitischen Hisbollah parliert hatte, umgarnt Swoboda jetzt die Judenmörder der Hamas. Die weigern sich zwar konsequent, auch nur einen Millimeter von ihrem Programm abzuweichen, das da lautet: Jihad bis zur Vernichtung Israels, aber das scheint sozialdemokratische Politiker heute nicht mehr sonderlich zu stören.

Am 9. Juni veranstaltete die Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen einen Propagandaabend zum Thema „40 Jahre sind genug. Nein zur israelischen Besatzung“. Teilnehmer der beschaulichen Runde: Georg Nicola, Ehrenpräsident der Palästinensischen Gemeinde, der den Massenmord vom 11. September für eine Inszenierung des amerikanischen Geheimdienstes hält, die unter Antisemiten weltweit beliebte Lüge verbreitet, 5000 Juden seien nicht im World Trade Center zur Arbeit erschienen, weil sie im vorhinein vor den Anschlägen informiert wurden, und der gerne auch mal mit österreichischen Rechtsextremen im Haus der Heimat über das Thema diskutiert: „Von Benes zu Sharon. Sudetendeutsche und Palästinenser — Entrechtet und vertrieben.“ Auch diese Veranstaltung ging nicht ohne sozialdemokratische Beteiligung über die Bühne: Karl Blecha, ehemaliger Innenminister, aktueller Präsident des österreichischen Pensionistenverbandes und der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen, beteiligte sich an der Diskussion.

Kommenden Dienstag lädt nun das Kreisky Forum Tony Judt ein, um endlich zu erfahren, ob Israel denn noch gut für die Juden sei. (Wer mehr über die Auslassungen des europäischen Ideologen Judt wissen möchte, lese nachstehenden Artikel von Philipp Lenhard.) Wie ein Blick auf die Vergangenheit zeigt, ist die einseitige Solidarisierung mit den Palästinensern kein Novum in der Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie. Über allem steht nach wie vor der Übervater Bruno Kreisky — wahrlich kein Freund Israels —, auf dessen Vorreiterrolle bei der internationalen Anerkennung Arafats und der PLO die SPÖ noch heute stolz ist. Während Arafats Kommandotrupps in den siebziger Jahren weltweit Flugzeuge entführten, Diplomaten exekutierten und in Israel regelmäßig blutige Anschläge verübten, bestritt Kreisky, jemals einen Beleg dafür gesehen zu haben, dass die PLO die Vernichtung Israels anstrebe. In dieser Hinsicht war Kreisky ebenso faktenresistent, wie heutzutage ein Hannes Swoboda.

Trotzdem bedeuten die verschiedenen Veranstaltungen und Presseerklärungen der letzten Monate einen Bruch mit der Nahostpolitik Kreiskys. Denn der Langzeitkanzler war sich im Gegensatz zu seinen sozialdemokratischen Nachfolgern über eines vollkommen im Klaren: Einer der Gründe, weshalb Kreisky immer auf eine Verständigung Israels und der Palästinenser drängte, war die Erkenntnis, dass mit den zunehmend an Macht gewinnenden Islamisten an einen Frieden im Nahen Osten nicht einmal zu denken ist. Von dieser Einsicht haben sich maßgebliche Funktionäre der SPÖ offenbar verabschiedet: Sie setzen heute auf eine Zusammenarbeit mit den islamischen Faschisten im Iran, im Libanon und den palästinensischen Gebieten.

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Tony Robert Judt (* 2. Januar 1948 in London; † 6. August 2010 in New York[1]) war ein britisch-amerikanischer Historiker, der sich insbesondere mit der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts beschäftigte. Ab dem Jahr 1995 war er Direktor des von ihm gegründeten Remarque-Instituts an der New York University. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Judt durch sein Buch Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart (2005). Im Jahr 1996 wurde Judt zum Fellow der American Academy of Arts and Sciences gewählt, im Jahr 2007 zum Fellow der British Academy.

Herkunft und Bildung

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Judt wurde als Sohn osteuropäisch-jüdischer Einwandererfamilien in London geboren. Seine Mutter stammte aus dem Londoner East End,[2.1] der Vater war 1935 aus Belgien nach England gekommen.[2.2] Die Großeltern waren aus Polen, Litauen und Rumänien nach Großbritannien emigriert.[2.3]

Judt studierte an der University of Cambridge sowie an der École normale supérieure (ENS) in Paris. Er erwarb in England 1969 den Bachelor of Arts und 1972 den Ph.D. in Geschichtswissenschaft. In The Memory Chalet (2010) beschrieb Judt seine Schulzeit am Emanuel School in Battersea (1959–1965) als von Außenseitertum und alltäglichem Antisemitismus geprägt.[2.4] Nachdem er vorzeitig einen Studienplatz in Cambridge erhalten hatte, verließ er die Schule ohne Abschluss der A Levels.[2.5]

Politische Entwicklung

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Judt arbeitete in den Sommern 1963, 1965, 1966 und 1967 in israelischen Kibbuzim.[2.6] Während des Sechstagekrieges 1967 diente er als Fahrer und Übersetzer für die israelische Armee. Seine prozionistische Haltung wandelte sich aufgrund seiner Erfahrungen während des Krieges. In The Memory Chalet bezeichnet er seine Auseinandersetzung mit dem Arbeiterzionismus in den Jahren 1963 bis 1969 als entscheidend für seine intellektuelle Entwicklung. Zunächst verstand er seine Tätigkeit in israelischen Kibbuzim als Arbeit für ein egalitäres sozialistischen Ideal, deshalb engagierte er sich als Funktionär einer zionistischen Jugendbewegung.[2.7] Die Begegnung mit israelischen Soldaten auf den Golanhöhen nach dem Sechstagekrieg 1967 und deren Haltung gegenüber der arabischen Bevölkerung aber desillusionierte ihn.[2.8] Das führte dazu, dass er den Verheißungen der Neuen Linken, des Maoismus und identitätspolitischer Bewegungen seiner Generation skeptisch gegenüberstand.[2.9]

Rückblickend kritisierte er, dass die westliche Studentenbewegung, zu der er selbst gehört hatte, den gleichzeitigen Ereignissen in Prag und Warschau – dem Prager Frühling und den polnischen Studentenprotesten – zu wenig Beachtung geschenkt habe, obwohl dort die bedeutsameren Auseinandersetzungen stattgefunden hätten.[2.10]

2003 trat er mit einem Plädoyer für einen binationalen israelisch-palästinensischen Staat (Einstaatenlösung) für das Gebiet von Palästina ein. Seine veränderte Haltung in dieser Frage führte dazu, dass ein Vortrag von ihm auf Druck der Anti-Defamation League abgesagt wurde und man andernorts für ihn Saalschutz anfordern musste.[3] Er wandte sich auch gegen frühere Weggefährten, die nun die Bush-Regierung unterstützten und seiner Ansicht nach zu „liberalen Falken“ (englisch: “liberal hawks”) und „nützlichen Idioten“ geworden seien. Ebenfalls kritisch betrachtete Judt die jüngere Entwicklung Europas: der Westen habe seine gemeinsame moralische Sprache verlernt, mit der sich Solidarität begründen ließe.[4]

Beruflicher Werdegang

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Judt beschrieb in The Memory Chalet seine akademische Laufbahn als keineswegs vorgezeichnet.[2.11] Nach seinem Studium arbeitete er unter anderem als Teppichauslieferer und Lagerarbeiter.[2.12] Unmittelbar vor seiner akademischen Anstellung 1972 bereitete er Frühstück im Blue Boar Hotel in Cambridge zu.[2.13] Zwischen 1966 und 1978 war Judt in Cambridge tätig, zunächst als Student, dann als Research Fellow und Fellow am King’s College.[2] 1970 verbrachte er ein Jahr als ausländischer Gaststudent an der École normale supérieure in Paris.[2.14] 1975 kam Judt erstmals in die USA und lehrte ein Jahr in Davis, Kalifornien. Nach seiner Rückkehr nach Cambridge empfand er England zunehmend als einengend.[2.15] Ab 1978 lehrte er in Berkeley, ab 1980 in Oxford. 1987 wechselte er zur New York University, wo er 1995 das Remarque Institute gründete und bis zu seinem Tod leitete.[2]

Europa als Forschungsgegenstand

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Judt hatte eine paneuropäische Perspektive und betrachtete Europa als zusammengehörig. Als Jugendlicher unternahm er oft ausgedehnte Zugfahrten durch Europa und empfand diese als prägend für sein Verständnis europäischer Vielfalt. Seine Arbeit an Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart charakterisierte er als beeinflusst durch ein ausgeprägtes räumliches Bewusstsein für Regionen, Distanzen und Kontraste innerhalb Europas, das er auf diese frühen Zugreisen durch den Kontinent zurückführte.[2.16]

Ab Mitte der 1980er Jahre beschäftigte sich Judt intensiv mit Ostmitteleuropa. Er lernte Tschechisch, reiste als Teil eines Netzwerks von Buchschmugglern in die Tschechoslowakei und unterrichtete in Privatwohnungen.[2.17] Die Begegnung mit dissidentischen Intellektuellen wie Václav Havel, Adam Michnik und János Kis sowie die Beobachtung der Revolutionen von 1989 bezeichnete er als zentral für sein späteres historiographisches Werk. Ohne diese Erfahrungen hätte er Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart nicht schreiben können.[2.18]

Judt beschrieb sich als analytisch arbeitenden Historiker. Sein Ansatz folgte der Auffassung, dass Historiker Philosophen seien, die mit Beispielen lehren.[2.19]

Selbstverständnis und Identität

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Judt beschrieb seine Identität in The Memory Chalet als hybrid und an Rändern orientiert. Er verstand sich weder als eindeutig englisch noch als französisch, weder als konventionell jüdisch noch als vollständig säkular. Seine Ausbildung in England und Frankreich, seine Emigration in die USA und seine familiäre Herkunft aus osteuropäisch-jüdischen Einwandererfamilien hätten zu einer Identität geführt, die weniger durch feste Zugehörigkeit als durch Kosmopolitismus geprägt sei.[2.20]

Judt identifizierte sich als Sozialdemokraten. Während er öffentlich der Linken zugeordnet werde, sah er sich im akademischen Bereich wegen seiner Ablehnung identitätspolitischer Strömungen und egalitärer Bildungsreformen als konservativ.[2.21]

Zum Judentum äußerte sich Judt differenziert. Er bezeichnete sich als nicht praktizierenden Juden, der weder jüdische Rituale befolge noch sich einer jüdischen Gemeinschaft zugehörig fühle. Auf die Frage nach seiner jüdischen Identität antworte er jedoch stets mit Ja. Judentum verstand er als eine Sensibilität des kollektiven Selbsthinterfragens. Er kritisierte die Fixierung amerikanischer Juden auf die Schoah als Identitätskern und die instrumentelle Nutzung der Verfolgungsgeschichte zur Rechtfertigung unkritischer Israelsolidarität. Die Benennung nach seiner Cousine Toni Avegael, die 1942 in Auschwitz ermordet wurde, verstand Judt als Verpflichtung gegenüber dieser Geschichte.[2.22]

Krankheit und Spätwerk

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Judt klärte in seinen letzten Lebensjahren wiederholt über die Amyotrophe Lateralsklerose auf, an der er litt.[5] In The Memory Chalet beschrieb er die Krankheit als fortschreitenden Verlust seiner Ausdrucksmöglichkeiten bei gleichzeitiger Klarheit des Denkens.

Um die autobiographischen Essays in The Memory Chalet mental zu komponieren, entwickelte Judt eine mnemonische Technik, inspiriert durch frühneuzeitliche Gedächtniskunst.[2.23] Die finalen Texte entstanden in Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Eugene Rusyn.

Das Präsidium der Jüdischen Gemeinde Bremen äußerte Irritation über die Verleihung des Arendt-Preises an Tony Judt, dem sie antizionistische Propaganda vorwarf, welche die Jury in ihrer Begründung verschweige. Zudem bemängelte die Gemeinde, dass die Preisverleihung an einem Freitagabend und die anschließende Diskussionsveranstaltung an einem Samstagmorgen stattfinden. Dadurch würden Juden, die den Schabbat begehen wollen, von einer Teilnahme ausgeschlossen.[8][9]

Beiträge
Interviews
Rezensionen und Nachrufe

Einzelnachweise

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  1. Jamie Doward: Historian Tony Judt dies aged 62, The Guardian, 7. August 2010, abgerufen am 10. Februar 2012 (englisch)
  2. a b Tony Judt: Memory Chalet. Penguin Books, London 11. November 2010 (amazon.de). 
    1. Pos. 372.
    2. Pos. 454.
    3. Pos. 1430.
    4. Pos. 842.
    5. Pos. 845.
    6. Pos. 895.
    7. Pos. 896.
    8. Pos. 954.
    9. Pos. 966.
    10. Pos. 1208.
    11. Pos. 1297.
    12. Pos. 1265.
    13. Pos. 1286.
    14. Pos. 1096.
    15. Pos. 1584.
    16. Pos. 716.
    17. Pos. 1634.
    18. Pos. 1645.
    19. Pos. 177.
    20. see Chapter XXIII: Edge People
    21. Pos. 1969.
    22. see Chapter XXIV: Toni
    23. Pos. 121.
  3. Isolde Charim: Der Historiker Europas: Tony Judt ist tot, taz, 10. August 2010, abgerufen am 10. Februar 2012
  4. Jan-Werner Müller: Wahrhaft paneuropäisch – und polemisch : Zum Tod des britischen Historikers Tony Judt, NZZ, 10. August 2010, abgerufen am 10. Februar 2012
  5. The Guardian: Tony Judt on having Motor Neuron Disease. 25. Januar 2010, abgerufen am 23. Dezember 2025. 
  6. https://www.kreisky-forum.org/wp-content/uploads/2023/03/Buchpreis.pdf
  7. Tony Judt: Das Problem des Bösen im Nachkriegseuropa : Festrede anlässlich der Hannah-Arendt-Preisverleihung 2007 (vom Autor nicht autorisierte Übersetzung von Ute Szczepanski auf der Website der Heinrich-Böll-Stiftung), abgerufen am 10. Februar 2012. Zur Kontroverse um seine israelkritischen Äußerungen 2007, an denen die jüdische Gemeinde Bremen Anstoß nahm, und seine Erwiderung siehe Die Erinnerung lehren, Die Zeit, 2010
  8. Jacques Schuster: Empörung über Arendt-Preis für Tony Judt, Welt, 30. November 2007
  9. Elvira Noa, Grigori Pantijelew: Offener Brief, 29. November 2007