radiX, Aussendungen
Oktober
2002

Niemals Vergessen!

Gegen Antisemitismus und Faschismus!

Die Pogrome rund um den 9. November 1938 waren nur die Höhepunkte eines von antisemitischen Ausschreitungen geprägten Jahres. Im Raubzug gegen ihre jüdischen Nachbarn spielten die Wiener und Wienerinnen eine Vorreiterrolle im gesamten deutschen Reich. Sie begannen sofort nach der umjubelten Vereinigung Österreichs mit Nazideutschland am 12. März 1938 mit Pogromen und „wilden“ Arisierungen. Dieser Fanatismus veranlasste sogar die zentralen Stellen zu Maßnahmen, um die Enteignung der Juden und Jüdinnen im gesamten NS-Reich in „ordentliche“ Bahnen zu lenken. Nachdem es im Oktober in Wien erneut zu Gewalttaten, Plünderungen und Brandstiftungen kam, war die Zeit in den Augen der Nazis reif für ein Vorgehen im gesamten Deutschen Reich. Das Pogrom im November 1938 übertraf die bisherige Barbarei, und die Blutorgie ließ für die Zukunft noch Schlimmeres erwarten. Das Pogrom war die endgültige Enthemmung des antisemitischen Mobs und der Auftakt zum Massenmord. Die damalige „Ostmark“ und insbesondere Wien bildeten die Vorhut der Vernichtung.

„Spontane“ Antwort der Bevölkerung

Die NSDAP-Propaganda versuchte, das Pogrom als „spontane“ Antwort der Bevölkerung auf den Tod des deutschen Diplomaten Ernst von Rath auszugeben. Dieser war am 7. November 1938 in Paris von einem 17jährigen Juden namens Herschel Grynszpan niedergeschossen worden und starb später. Grynszpan hatte ursprünglich ein Attentat auf den deutschen Botschafter in Paris geplant. Damit wollte er gegen die von der Reichsregierung verfügte Deportation tausender Juden und Jüdinnen nach Polen protestieren, die auch seinen Vater betroffen hatte, der tagelang ohne Hilfe im Niemandsland herumgeirrt war. Der Beschluss zum Losschlagen wurde am Rande einer Feier zum Gedenken an den Putschversuch von 1923 in München gefasst. „Die SA soll sich mal austoben“ hat Hitler zu Goebbels gesagt. Der „Startschuss“ zum Pogrom wurde dann vom Propagandaminister gegeben. Alle, die in den letzten Wochen und Monaten von den Parteistellen und Gauleitungen wegen unkontrollierbaren und „wilden“ Arisierungen zur Ordnung gerufen wurden, durften sich nun endlich wieder austoben. Die NS-Propaganda betonte die „berechtigte Empörung“, der Zorn der kochenden Volkseele würde das Attentat nun rächen. Der Begriff „Reichskristallnacht“ wurde von den Nazis geprägt. Der Name kokettiert mit dem „schaurig-schönen“ Widerschein des Feuers in den auf der Strasse liegenden Glasscherben und verharmlost die blutige Gewalt.

„Arbeitsteilung“

Während die SA in Zivil gemeinsam mit Angehörigen der Hitlerjugend und anderen Parteiorganisationen jüdische Geschäfte und Wohnungen plünderten und zerstörten, ging die SS, ebenfalls in Zivilkleidung, gezielt gegen Funktionäre jüdischer Organisationen vor. Viele der von der SA gegen Juden und Jüdinnen durchgeführten Aktionen waren nichts anderes als reiner Sadismus. Verhaftete Juden und Jüdinnen brachte man in Schulen, Gefängnisse und in die spanische Hofreitschule neben der Hofburg, zwang sie zu gymnastischen Übungen, ohne ihnen Nahrung zu geben und lies sie aufrecht stehend schlafen. Einige Jüdinnen wurden gezwungen, sich zu entkleiden und zur Unterhaltung der Sturmtruppen sexuelle Handlungen mit Prostituierten auszuführen; andere mußten nackt tanzen. Ein Gestapo-Agent aus Wien berichtete später, dass er und seine Kameraden Schwierigkeiten gehabt hätten, die Menschenmenge davon abzuhalten, noch mehr Jüdinnen und Juden tätlich anzugreifen.

In Wien wurden insgesamt 42 Synagogen und Bethäuser meist durch Brände zerstört. 27 Juden wurden getötet und 88 schwer verletzt. 6.547 Juden und Jüdinnen wurden in Wien verhaftet, fast 4000 von ihnen wurden ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Tausende jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört. 4.083 jüdische Geschäfte wurden gesperrt. Allein im „Kreis Wien I“ wurden 1.950 Wohnungen zwangsgeräumt. Hunderte Jüdinnen und Juden begingen Selbstmord. Eine Rückgabe der enteigneten Wohnungen und Geschäfte nach 1945 fand praktisch nicht statt. Bis zum heutigen Tag profitieren die Nachkommen der Täter und Täterinnen in Wien und ganz Österreich von den Verbrechen, die damals ihren Anfang nahmen. Sei es durch den günstigen Mietvertrag, den die Großeltern 1939 erhielten, durch die arisierten Bilder der Sammlung Leopold, die nun im Museumsquartier Touristenströme anziehen, oder durch die Übernahme von Geschäften, Kinos oder Apotheken der zuvor deportieren Besitzer und Besitzerinnen.

Übergriffe und Ausschreitungen auch in den Bundesländern

In Niederösterreich kam es zur Sprengung von Synagogen und zu Massenfestnahmen. Tempel in Berndorf, in Vöslau und in Baden fielen dem Pogrom zum Opfer.

In Baden wurden alle Jüdinnen und Juden verhaftet, in St. Pölten gab es 137 Festnahmen.

In Salzburg-Stadt wurden sieben noch nicht arisierte Geschäfte aufgebrochen und verwüstet. Akten aus der Kultusgemeinde wurden weggeschafft. Auch die Synagoge wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen. In der Stadt werden 41 Juden verhaftet, 70 in ganz Salzburg.

In Oberösterreich leben in den Wochen vor dem Novemberpogrom noch rund 650 Jüdinnen und Juden. Ein Zehntel von ihnen wurde bereits am 8. November festgenommen. In Linz steckten SA-Männer und SS-Angehörige die Synagoge in Brand.

In Graz wurde in der Nacht zum 10. November die Synagoge am Grieskai niedergebrannt. Die Inneneinrichtung war bereits zuvor zerstört worden.

In Klagenfurt wurde der Tempel völlig zerstört. Der Mob wandte sich vor allem gegen Wohnungen der jüdischen Mitbürger, da die Geschäfte bereits vorher „arisiert“ worden waren. 40 Jüdinnen und Juden werden verhaftet und nach Dachau deportiert.

In Tirol konzentrierte sich der Terror auf Innsbruck. Vier von den 136 Innsbrucker Jüdinnen und Juden wurden ermordet.

Im Burgenland wurde die Synagoge in Eisenstadt zerstört.

Solidarität mit Israel

Es macht die Eigenart der Gesellschaft in den Nachfolgestaaten des Dritten Reichs aus, daß sie sich auf dem Boden der Resultate bewegt, die der Nationalsozialismus geschaffen hat. Zu diesen Resultaten gehört eine besonders innige Beziehung zum Staat, gestiftet durch das kollektiv beschwiegene Fundament von Massenmord und Vernichtungskrieg, die nach 1945 nirgendwo revolutionär geahndet wurden. In diesen Verbrechen hat sich die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung mit dem Staat zum Volksstaat vereinigt. Diese Vereinigung lebte öffentlich und privat gerade in der Verdrängung des Verbrechens fort und konstituierte das Bewußtsein der Staatsbürger und -bürgerinnen. Daß der größten Vernichtung, die jemals vonstatten ging, der größte Reichtum entspringt, der jemals zu haben war, das war das eigentliche Wunder der Nachkriegszeit, das man mit dem Begriff des Wirtschaftswunders zu rationalisieren versuchte - schon deshalb, um nicht über die Grundlegung der Nachkriegswirtschaft in der nationalsozialistischen Raub- und Zwangsarbeiterökonomie reden zu müssen.

Der für die österreichische postnationalsozialistische Gesellschaft charakteristische Antisemitismus tobt sich heute zunehmend im Haß auf den Staat der Shoah-Überlebenden aus. Der von Deutschen sowie Österreichern und Österreicherinnen mit Begeisterung vom Zaun gebrochene Vernichtungsfeldzug gegen Polen und die Sowjetunion, der Beginn der totalen Vernichtung des europäischen Judentums im Herbst 1941 und die Flucht von vielen Jüdinnen und Juden waren die entscheidenden Ursachen für die Gründung Israels. Während der Zionismus in den 50 Jahren davor noch von vielen Juden und Jüdinnen abgelehnt wurde, da sie die Hoffnung auf Assimilierung nicht aufgaben oder ein Ende des Antisemitismus durch die revolutionäre Veränderung der Gesellschaft erkämpfen wollten, bestätigte der deutsche Vernichtungswahn in grausamer Weise die Notwendigkeit eines jüdischen Staates, solange die kapitalistische und staatliche Vergesellschaftung - und damit der Grund für den Antisemitismus - weiter besteht.

Trotz grauenhafter Umstände gelang tausenden Opfern des NS-Terrors die Flucht nach Palästina. Nach der Staatsgründung Israels und der Nichtanerkennung des UN-Teilungsplanes durch die arabischen Nachbarstaaten begannen diese ihren ersten Krieg gegen den neuen Staat. In den 15-monatigen Kampfhandlungen ließen über 6000 Israelis, viele eben erst den nationalsozialistischen Todesmühlen entkommen, ihr Leben.

Israel ist seitdem der einzige Garant dafür, dass Antisemitismus in Deutschland, Österreich, oder auch im arabischen Raum, wo er sich derzeit sowohl propagandistisch als auch praktisch am ungehemmtesten austoben kann, entgegengetreten wird. Selbst wenn wie im 2. Weltkrieg fast alle Länder dieser Erde ihre Grenzen nochmals für jüdische Flüchtlinge schliessen sollten, mit Israel wird es einen Ort geben, wo sie, solange die Möglichkeiten zur militärischen Selbstverteidigung gewährleistet sind, relativen Schutz vor antisemitischer Gewalt finden werden.

Der jüdische Staat ist 60 Jahre nach der Niederlage des Nationalsozialismus in Gefahr. Israel ist mit permanentem Terror im Rahmen der „Al-Aqusa-Intifada“ konfrontiert. Die von Palästinensern und Palästinenserinnen durchgeführten Selbstmordattentate zielen einzig und allein darauf, möglichst viele Juden und Jüdinnen mit in den Tod zu reißen. Unterstützung finden diese dabei nicht nur bei anderen arabischen Regimes, die diesen sich selbst als nationalen Befreiungskampf abfeiernden Vernichtungsantisemitismus materiell und ideologisch unterstützen, sondern auch bei der Europäischen Union und der UNO.

Mit der zunehmenden Bedrohung Israels und damit der Juden und Jüdinnen weltweit, entsteht eine Art „globaler Intifada“: Von der Ukraine über Argentinien bis Frankreich und Deutschland, überall kam es in den vergangenen Monaten zu Friedhofsschändungen, Brandstiftungen gegen Synagogen und tätlichen Angriffen gegen Juden und Jüdinnen. Jüdische Gemeinden erleben nun in der ganzen Welt Zustände, die in Österreich und Deutschland seit langem traurige Realität sind: gewalttätige Übergriffe und die ständige Präsenz von Sicherheitskräften vor Synagogen, Schulen und kulturellen Einrichtungen. In vielen Medienberichten dominiert eine parteiische Darstellung des Nahostkonfliktes. Einseitig wird allzu gerne der palästinenstische Standpunkt wiedergegeben.

Die Linke hat mit ihrem jahrzehntelang gepflegten Antizionismus eine Avantgardefunktion erfüllt und damit dem nunmehr hegemonialen Antizionismus gesellschaftliche Legitimität verschafft. Ob der deutsche Nationalliberale Möllemann dem jüdischen Fernsehmoderator Michel Friedman die Schuld am deutschen Antisemitismus zuschiebt, die aussenpolitische Sprecherin der Grünen, Ulrike Lunacek fordert, israelische Waren aus den besetzen Gebieten aus dem Assoziationsvertrag mit der EU auszunehmen, oder Jörg Haider im arabischen TV die Interessen der Palästinenser und Palästinenserinnen preist, fast niemanden scheint diese breite Front zu stören. Auch die Tatsache, dass durch die regelmäßigen Zahlungen der Europäischen Union an die palästinensische Autonomiebehörde höchstwahrscheinlich auch indirekt oder direkt der antisemitische Terror finanziert wird, erregt kaum Aufsehen.

Das Gedenken an die Reichspogromnacht vor 64 Jahren muß die Verteidigung der letzten noch sichtbaren Resultate der deutsch-österreichischen Schuld an Shoah und Vernichtungskrieg beinhalten, so es nicht zu einer folgenlosen Historisierung der damaligen Ereignisse kommen soll. Heute wird in vielfältiger Weise in Österreich und Deutschland versucht, die Folgen der Niederlage des Nationalsozialismus von 1945 zum Verschwinden zu bringen und die deutsch-österreichischen Verbrechen zu relativieren. Nach der deutschen Wiedervereinigung, der Auflösung der Roten Armee und der Zerschlagung Jugoslawiens richten sich die deutsch-österreichischen Begehrlichkeiten insbesondere gegen Tschechien.

Antifaschisten und Antifaschistinnen dürfen zu diesem Revisionismus nicht schweigen. Die aktuelle, erpresserische Politik gegen die Republik Tschechien in der Frage der Benesdekrete muß ebenso bekämpft werden wie jede Form der Delegitimierung des israelischen Staates.

In der Zirkusgasse 22 stand bis zu ihrer Zerstörung und Plünderung durch den Nazi-Mob am 10. November 1938 die Synagoge der seit 1736 bestehenden türkisch-jüdischen Gemeinde, auch „Türkischer Tempel“ genannt. Sie wurde im maurischen Stil zwischen 1885 und 1887 nach den Plänen des Architekten Hugo von Weidenfeld erbaut. Als Vorbild diente die Alhambra, worin sich das Andenken an die ehemalige spanische Heimat der Sepharden äußerte. Die Synagoge verfügte über 424 Sitz- und 250 Stehplätze und war in der Ersten Republik vor allem als Wirkstätte des Oberkantors Isidor Lewit von Bedeutung. 1988 wurde eine von der Stadt Wien gestiftete Gedenktafel am Ort der zerstörten Synagoge angebracht.

Kundgebung 17.30h
Ecke Zirkusgasse/Schmelzgasse, 2. Bezirk

Unterstützt von:

Infos unter: www.gegennazis.at.tf

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