FORVM, No. 319/320
Juli
1980

Schützen ohne Stutzen

Neue Volkstumskämpfe in Südtirol
Die Kuh sagt muh dazu:
Faschistisches Siegesdenkmal mitten in Bozen (auf einem neueren Foto würde man ein Gitter sehen, zwecks Abwehr von Bombenlegern ...).
Bild: Votava/Gremignani

Ist Jude sein eine Krankheit?

Die Lehrerin fragt den Sohn des Architekten in der Schule: „Was kommt bei euch auf den Tisch? Fleisch?“

„Ja.“

„Was für Fleisch?“

„Kalbfleisch, Rindfleisch.“

„Ist dein Vater Jude?“

„Nein, herzkrank.“

Der Sohn zuhause zur Mutter: „Ist Jude sein auch eine Krankheit?“

Bozen im Mai 1980. Der Architekt wohnt in Beton. Ringsum schießen die Neubauten empor, bald werden sie die grünen Berge verstellen. Häuser wie Panzerschränke: massiver Glasbeton hat die Frise und Liktorenbündel des Fascismus abgelöst.

„Die Frau Oberkolmsteiner hat versucht, ihren Mann mit der Axt zu derschlagen“, erzählt Alexander Langer, Abgeordneter der Neuen Linken zum Südtiroler Landtag, beim Nachtisch. „Feministische Kollektive haben sich nach ihr benannt! Die Axt im Haus erspart den Ehemann ...“ Triumphierend: „I hab jetzt das Recht, Gefängnisse zu besuchen und nicht nur drin zu wohnen — du, das isch aber ganz ein anderes Gefühl!“ Er übertreibt: bisher hatte er nur ein paar Stunden Polizeihaft nach Demonstrationen zu erdulden.

„Eine Witwe aus dem Pustertal hat ihre Zwillinge verheizt. Sie hat die ganze Zeit im Gefängnis grert, niemand konnt mit ihr reden, der Anwalt hat sich nie blicken lassen. Mir war’s sehr peinlich. I hab dann die Angehörigen angrufen, sie sollen ein Lebenszeichen geben, auch den Landesrat Durnwalder, der is ihr Verwandter. Durch Sachverständigengutachten kam dann heraus, daß es eine Totgeburt war; sie hat die Kinder allein zur Welt gebracht.“ Der Abgeordnete mit dem wallenden Langhaar erregt sich über die Rückständigkeit im Heiligen Land Tirol, Gottes Alpenrosengarten: „Bäuerinnen gehen an der Spießermoral der Dörfer zugrunde. Sie war eine Witwe von 45, hatte vier Kinder und wurde schwanger. Die ‚Kindsmörderin‘, wie sie in der Ballade steht ...“

Die richtige Stimmung im Land

Bozen, der erste Sonntag im Mai. Mtata, mtata! über den Vogelweidplatz, Schützen ohne Stutzen kloben durch die Stadt, schwankende Spielhahnfedern, Tribünen, Bergwacht, mtata. Das Karree umkreist von italienischen Motorradpolizisten in Uniformen von unnachahmlicher Eleganz.

„Im Winter saukalt und meistens schneefrei“, sagte der südtiroler Dichter Norbert C. Kaserer über Bozen. [1] Er bekannte: „Ich trinke täglich mindestens anderthalb Liter.“ Er dichtete: „Ich bin ein Faß ...“ 1978 starb er, 31jährig, versoffen.

Der südtiroler Soziologe Günther Alois Baur höhnte in seiner Diplomarbeit, einem bemerkenswert frischen Alpengipfel in der Tiefebene der BRD-Geisteswissenschaft: „Die tausendjährige Kleinbauernkultur zerstört man und nennt dies Agrarreform oder Flurbereinigung und zwingt die Bauern in die Fabrik. Tausende von Kindern schickt man in die Unterweisung, indem man sie mit Unwissenden fünf oder mehr Stunden am Tag in einen Raum sperrt — und das nennen sie Recht auf Bildung und Chancengleichheit. Tausende der Behörde ausgeliefert, die ihr Leben mittels statistischer Unterlagen systematisch verplant und fremdbestimmt — und das versuchen sie als Sozialstaat zu verkaufen. Ein genau organisierter und eingespielter Informationsapparat und ebensolche Massenorganisationen sorgen für die richtige Stimmung im Land — und das nennt man Pressefreiheit. Man hetzt eine Sprachgruppe gegen die andere auf und zwar so, daß keine Nachteile im Handel und Geldverkehr entstehen, doch so, daß das arbeitende Volk seine angestauten Energien an den Genossen ausläßt — und das nennt man Sicherung der Rechte ethnischer Sprachgruppen.“ [2]

Immer als Pseudolinke ...

Das Gift des Nationalitätenstreits bedrängt auch die jungen Oppositionellen. Mit drei Nachwuchslinken fahre ich im Auto nach Meran, mitten durch die Baumblüte, weiße Doldengebirge säumen die Straße, die Apfelbäume schon diagonal spaliergezogen, welk in der Abgaswolke. Reinhard Knopp ist ein selbständiger junger Architekt, Sabine Abram, seine Frau, die in Salzburg Psychologie studiert hat, beschäftigt sich in der Landesverwaltung mit Behindertenpädagogik und kandidiert für die Liste der Neuen Linken zum Bozener Gemeinderat, Rudi ist der Sohn des Landeshauptmannstellvertreters Alfons Benedikter und dient gegenwärtig in Frangart beim italienischen Militär.

Reinhard: Die italienischen Genossen haben die deutschen immer als Pseudolinke angesehen ...

Sabine: Wenn ich mit meiner Kollegin, die eine Linke ist, reden will, muß i immer italienisch redn, sie kann kein Wort Deutsch.

Reinhard: Wenn du aus dem linken Getto ausschaust, dann sind die heut no gegen die Deutschen eingestellt, das isch die Folge der SVP-Politik. [3]

Rudi: Daß wir in der Sprachenpolitik nit amal im Privatesten zusammenarbeiten können!

Sabine: Bei allen Sachen, die auftauchen, werd alles auf die ethnische Sach zurückchgeführt: „Wenn ma net bei Italien wärn!“

Reinhard: Ma kann keine wirklich zweisprachigen Veranstaltungen durchführen, weil die Italiener net Deutsch kennen.

Rudi: Die Schuld ist, weil die Landesregierung nix tut für das Erlernen der zweiten Sprach.

Sabine: Das fangt schon in der Schule an, da sind sich ja beide einig, die SVP und die DC, [4] da nix zu tun!

Die Kinder im Sprachenkäfig

Es beginnt sogar schon im Kindergarten. Im September 1979 verbot die Landesregierung den Deutschunterricht in den italienischen Kindergärten Südtirols. In deren Mehrzahl war bis dahin bereits fünf Jahre lang privat, auf Kosten der Eltern, Deutsch gelernt worden. Jetzt geht das aber nur mehr im Geheimen. Die Lehrerin Solveig Pichler aus Meran erzählt, sie macht jetzt Deutschunterricht am Nachmittag, spielt mit den Kindern Theater, um sie, die zu dieser Tageszeit schon müde sind, zu animieren. Die Italiener sind hartnäckig in ihrer Sucht auf das Deutsche ... Solveig: „Sie tuan das net groaß, aber machen tians’ es!“

Alexander Langer befürchtet eine Wiederholung italienischen Unrechts unter deutschem Vorzeichen: „Im Faschismus mußten unsere Eltern in den ‚Katakombenschulen‘ Deutsch lernen. Wir wollen nicht, daß für die Italiener in Südtirol Deutsch zum Trauma wird, zur Schikanesprache, wie es früher das Italienische für die Deutschen war!“

Ein „Italienisches Koordinierungskomitee der Kindergarten-, Grund- und Mittelschuleltern in Südtirol“ schickt Ende April 1980 eine Delegation nach Wien, um hiesige Sozialdemokaten für die Unterstützung ihres Anliegens zu gewinnen (Wien gibt Kultursubventionen an Südtirol, die oft in die konservativsten Kanäle fließen [5]).

3000 Fragebogen hat man an die italienischen Eltern versandt, 2000 sind ausgefüllt zurückgekommen. Das Resultat? 90 Prozent sind für den Deutschunterricht! Am 21. Februar wurden die Kindergärten bestreikt und an die Landesregierung appelliert, ihren Starrsinn aufzugeben, ja die Deutschlernaktion auch zu subventionieren. Bisher ohne Erfolg.

Die Unterwanderer

Ich frage den stellvertretenden Landeshauptmann Dr. Alfons Benedikter, der sich mit seinem Büro in den zweiten Stock des Standa-Kaufhauses eingemietet hat, einen untersetzten gemütlichen Herrn mit grauen Haaren, der eifrig zwischen den Tischen und Telefonen seines Büros herumwieselt, die Sekretärin Akten herbeischleppen läßt: „Fürchten Sie, daß die Italiener, wenn sie im Kindergarten Deutsch gelernt haben, dann auf die deutschen Proporzposten kommen?“

Benedikter: „Das könnte schon so ausgenützt werden, wenn so mehr Italiener die deutschen Schulen besuchen, weil sie mitkommen und die deutschen Schulen unterwandern so isch da der Ausdruck dafier ...“

Oppositionsabgeordneter Langer meint das Gegenteil: „Je weniger die Italiener bei sich Deutsch lernen, um so mehr steigt das Bedürfnis, in die Deutschsprachigen Schulen einzusickern. Der Mißbrauch der Autonomie durch die SVP kann Rückschläge hervorrufen.“

Noch deutlicher wird der Arbeiter Aldo Barzon aus der Aluminiumfabrik in Bozen, ebenfalls Mitglied des Elternkomitees, auf einer Veranstaltung der Südtiroler Hochschülerschaft in Wien: „Es hat bereits 1979 wieder Bombenattentate gegeben; wenn die Spaltungspolitik zwischen den Volksgruppen weitergeht, wird die Spannung zunehmen. Wir wollen zeigen, welcher Wandel sich da vollzogen hat von der Eroberermentalität zum Spracherlernen. Wenn man die Tür zuschlägt, entsteht die Versuchung, den Weg zurück zu suchen.“

Dr. Alfons Benedikter,
SVP-Landesrat und Landeshauptmannstellvertreter, zuständig für statistische Erhebungen
Bild: Votava/Publifoto

Landesrat Benedikter hat seine liebe Not mit den Linken, sein jüngster Sohn Rudi ist selber einer: „Hin und wieder red ma drüber, gibt’s auch Auseinandersetzungen. Ich versuch ihn vor allem anderen auch zu überzeugen, daß’ net heißt, du hast mir gewisse Sachen gar net gsagt ... In Wien war er sich selbst überlassen und isch in diese Kreise kemmen. Ich bin überzeugt, wenn er in Südtirol niedergelassen sein wird, dann wird er, wenn er mit dem Südtiroler Alltag konfrontiert ist als Richter oder Anwalt, da wird sich das schon wieder ... Der Rudi meint, wir tun den Italienern unrecht, schon durch die Wiedergutmachtung faschistischen Unrechts.“

Benedikter senior hat die Zahlen bei der Hand: 7131 Staatsstellen in Südtirol unterliegen seit 1975 dem ethnischen Proporz, aber sie sind zu 86,1 Prozent mit Italienern besetzt, die nur ein Drittel der Landesbevölkerung ausmachen. Benedikter: „Rund 20 Jahre brauch ma noch, um das auszugleichen!“ Das „Paket“, also das Autonomiestatut, das die italienische Regierung 1972 auf österreichischen Druck hin den Südtirolern zugestand, sehe eine 30jährige Frist für diesen Ausgleich vor. „Die Italiener ham gemeint, das werd eh nie durchgefiehrt und aus. Sie ham sich die Mentalität gebildet: ja da isch eh nix, da geht eh nix!“

Der Landesrat hat aber ein Problem: „Es melden sich noch zu wenig Deutsche.“ Das Frauengefängnis mußte nach Trient verlegt werden, da sich keine deutschsprachigen Wärterinnen fanden.

Es gibt praktisch keine Arbeitslosigkeit in Südtirol, und das Land, das 0,7 Prozent des Staatsvolks beherbergt, bekommt aus Rom 1,6 Prozent der Budgetmittel zugewiesen — was nur teilweise mit der Kargheit seiner Berge zu begründen ist, sicher aber auch damit zu tun hat, daß die DC in Südtirol eine Ordnungszelle erblickt und das Land als konservativen Mustergarten für ganz Italien pflegt.

Viel gestreikt und nix erreicht

Klaus Gatterer, einer der wenigen linksliberalen Journalisten Österreichs, ein Südtiroler — ich treffe ihn zufällig in Bozens linker Buchhandlung (für Besucher: Rauschertorgasse 16!) — kennt sich da aus: „Alle Sektoren, in denen die Italiener hier wirken, sind Krisensektoren, sowohl beim Staat wie in der Industrie. Sie sind dadurch die Schwächsten. Arbeiter ist ja hier nicht gleich Arbeiter! Der italienische Arbeiter ist ein Proletarier, der nur von der Handarbeit lebt und nichts im Hintergrund hat. Die deutschen Arbeiter haben im Hintergrund eine Familie, und selbst wenn ein Deutscher in die CGIL [6] geht, kann er ins Sarntal zu seinem Bruder zurück.“

Bei Alumetall in Bozen wird gerade gestreikt, die Firma, die zweitgrößte am Platz, baut ab, ist vom Zusperren bedroht. Gatterer: „Hier [in Italien] wird um 80 Prozent zuviel gestreikt, um 20 Prozent zuviel herausgeholt, und 80 Prozent wird dann nicht eingehalten. Vor allem in kleineren Betrieben wird oft mehr als die Hälfte der Belegschaft in wenigen Wochen ausgetauscht.“ Das ist die Kehrseite der italienischen Streiklandschaft, die oft von nordeuropäischen Linken übersehen wird, wenn sie für Italiens radikale Arbeitswelt schwärmen. „Mit dem Anwachsen der ‚unterirdischen‘ Wirtschaft hat sich unsere Provinz fugenlos in die italienische Wirtschaft eingereiht“, klagt Toni Auer, in Wien studierter Landessekretär der linkssozialistischen Gewerkschaft UIL am ersten Mai.

Wenn man die Wohnungen besetzen könnte ...

Die Umstrukturierung schreitet rapide fort. In der letzten Generation hat sich die Zahl der Bauern halbiert: war 1950 noch jeder dritte Südtiroler ein Bauer, so ist es heute nur mehr jeder sechste. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten arbeitet im Dienstleistungssektor, doppelt soviel wie in Industrie und Gewerbe. Auf je zwei Einwohnerbetten kommt ein Fremdenbet!t.

Da Touristen mehr hergeben als Mieter, ist die Wohnungsnot drückend. Auch fürchten die Wohnungsinhaber den Mieterschutz: in Bozen stehen 6000 Wohnungen leer. „Wenn man die besetzen könnte!“, seufzt Landesrat Benedikter. „Aber wie können sie das, als konservative Partei ...?“ Er besinnt sich: „Nein, natürlich nicht, da geht’s um Grundsätze.“

Das Land verwaltet 9520 Sozialwohnungen, in 7181 (75 Prozent) sitzen Italiener, nur im restlichen Viertel Deutschsprachige. Benedikter: „Um dieses Unrecht wiedergutzumachen, sind die Proporzbestimmungen im Autonomiestatut.“ Und wenn (bei den Wohnungen) die Italiener bedürftiger sind oder (bei den Beamtenstellen) die Deutschsprachigen bildungsunwilliger, dann hilft man halt mit „volkstumspolitischen Maßnahmen“ nach. 1981 soll eine Volkzählung, bei der jeder Südtiroler sich endgültig durch individuelles, rechtswirksames Bekenntnis auf eine der drei Volksgruppen festlegen muß, die erforderliche Handhabe bieten.

Die Linke war alarmiert. Im März 1981 bildete sich ein „Initiativkomitee gegen die Option 1981“: „Wir sehen mit der kommenden Volkszählung 1981 große Gefahren heraufziehen. Wie im Brechtstück von den Rundköpfen und den Spitzköpfen, das in Südtirol 1979 zweisprachig aufgeführt wurde, wird der große Schädelverteiler durchs Land ziehen und jedem seinen deutschen, italienischen oder ladinischen Schädel aufsetzen — und damit unweigerlich auch seinen Feind zuweisen: nämlich die anderen.“ Die Südtiroler Intellektuellen weigern sich instinktiv, in die drei Volkstumskäfige einzutreten. Sie wittern eine Falle.

Sprachkäfige & Rassentypen:
Brechts „Rundköpfe und Spitzköpfe“, mit lokalen Anspielungen aufgeführt in Bozen, Herbst 1979
Bild: SVZ

Der Neger von St. Pauls & der Jude in der Sowjetunion

Alexander Langer lacht: „Der Neger von St. Pauls muß sich 1981 als Deutscher oder Italiener erklären!“ Der Assimilationsdruck nimmt zu. Waren bei der Volkszählung 1961 noch 62,2 Prozent „Deutsche“ und 34,3 Prozent Italiener gezählt worden, so stieg der „Deutschen“anteil 1971 auf 62,9 Prozent, der italienische sank auf 33,3 Prozent. Ladiner zählte man 1961 3,4 Prozent, 1971 3,7 Prozent, „andere“ jeweils 0,1 Prozent.

Geht es nach den Linken, sollen die „Anderen“ mehr werden: sie wollen, daß Mehrfacherklärungen (etwa: Deutsch und Italienisch) erlaubt sind, und daß die Betreffenden bei allen sprachgebundenen Möglichkeiten zugelassen werden. Bei Staatsämtern brauche man ja sowieso die Zweisprachigkeitsprüfung, und bei den Sozialwohnungen soll die Bedürftigkeit entscheiden.

Darauf Landesrat Benedikter: „Wo ist dann die Wiedergutmachung faschistischen Unrechts, ich muß doch wissen bei einer Stelle, bist du Deutscher oder Italiener?“ Und wenn einer beispielsweise Franzose ist, der sich hier niedergelassen hat? Benedikter: „Er muß dann Italiener, Deutscher oder Ladiner werden, es sind keine Ausnahmen vorgesehen.“

Und die Linken, die mehrfach erklären, was wird mit denen geschehen? „Die geben Erklärungen ab, die nicht brauchbar sind. Sie werden ein, zweimal gefragt werden: Bitte, wenn du nit willst, mußt du die Folgen tragen, wenn du in dieser Form protestieren willst.“

Schon bei den Wahlen 1978 haben mehrere Kandidaten der Neuen Linken eine Mehrfacherklärung ihrer Sprachenzugehörigkeit abgegeben; sie wurden vom Gericht von der Liste gestrichen, einer verlor seine bereits zugesagte Sozialwohnung. Das Bekenntnis ist zwar frei, es könnte also auch ein Italiener für Deutsch optieren, aber er müßte dann vor Gericht und Behörden deutsch reden, wosonsten er seiner Rechte verlustig ginge. Heute ist es so, daß man sich bei lügenhafter Erklärung strafbar macht. Benedikter: „Wenn einer beim Land wegen einem Posten so erklärt und bei der Wohnung anders, dann geht er einer Sache verlustig.“

„Daß man mehrfach erklären kann, das gibt’s auf der ganzen Welt nicht, das gibt’s auch in der Sowjetunion nicht!“ knurrt Benedikter. „In der Sowjetunion fragt man nach der Muttersprache und nach der Nationalität, aber du kannst nie zwei Sachen zugleich sagen.“

Ich wundere mich: „Wollen Sie etwa die Behandlung der sowjetischen Juden als Beispiel hinstellen?“

Benedikter: „Ich will sagen, nirgends in der Welt kann man zwei Antworten geben.“

Kommt die Bumserei wieder?
Das faschistische Alpinidenkmal in Bruneck ...
... und die Trümmer des Alpini nach der Sprengung (1979).

Die Option

Ein Ladiner meint bei einer Diskussion in St. Ulrich, die Gefahr sei, daß die Ladiner (deren Sprache Rätoromanisch ist) überhaupt verschwinden, sich assimilieren: „Die Neue Linke hat sich sehr viele Verdienste gemacht, indem sie das Problem nach oben geschmissen hat. Nur, Option ist ein schlechtes Wort.“

Es erinnert an einen faschistischen Streich, der die Ladiner am härtesten traf. 1939, zu Beginn des II. Weltkriegs, hatten Hitler und Mussolini vereinbart, die Südtiroler vor die Wahl zu stellen, entweder für Deutschland oder für Italien zu „optieren“. 86 Prozent der Viertelmillion Südtiroler optierten für Hitlerdeutschland, das waren über 200.000, und 75.000, ein starkes Drittel, ließen sich tatsächlich „ins Reich“ umsiedeln (die meisten kamen später wieder zurück). [7]

An diese historische Erfahrung zu erinnern, gilt heute in Südtirol als Sakrileg, es ist die nicht bewältigte Vergangenheit. Die Linken scheren sich nicht drum (zur Pein ihrer Konkurrenten von der KPI, die gerne mit der SVP koalieren möchte); gerade zur Volkszählung bereiten sie ein (natürlich zweisprachiges) Theaterstück über die Option vor, an dem sie schon zwei Jahre arbeiten: Arbeitstitel „Das Lied vom Schwarzbraunen Mann“.

Die Lehrerin Irmtraut Mair spielt mit, sie hat viele Stunden Interviews aufgenommen. Ihre eigene Options-Geschichte: Der Vater war Zimmermann und arbeitslos, er hat für Deutschland optiert, die Mutter hat sich versteckt, mit dem Kind im Bauch. Dann hat man auch sie vertrieben, und das Ehepaar fand sich schließlich auf Herbergsuche in Innsbruck, von Haus zu Haus: eine Weihnachtsgeschichte. Irmgard: „I kann net leben irgendwo anders. Die Genossen kommen immer wieder zruckch, sie halten’s nirgendwo aus.“

„Option“ in völkischer Sicht:
Postkarte „Verlorene Heimat Südtirol“ (aus NS-Zeit)

Die Linken rührn um

Irmtraut hat sich, nach 15 Dienstjahren, pensionieren lassen, obwohl sie erst knapp 40 ist, und geht ihren politischen Hobbies nach. Sie arbeitet im „Kulturzentrum“. Was das ist? „Die wildgewordene Lehrerschaft! Die Lehrer sind diejenige Kategorie von Arbeitern, die noch nicht im Griff von der SVP ist. Mit schöner Regelmäßigkeit finden die Lehrer alles schlecht, was das Land macht. Das Kulturzentrum ist gegründet worden, um oppositionellen Leuten einen Platz zu geben, ihre Identität zu finden.“ Ohne festes Haus spielen sie Theater, machen Ausstellungen, Diskussionen. Die offizielle Landeskultur kommt mit der Operette „Die schöne Boznerin“ und dem Volksmusikabend der „Tisner Buab’m“ aus (Ehrenschutz Frau Landeshauptmann Sofia Magnago); ab und zu gibt’s ein Gastspiel eines Tourneetheaters.

Überhaupt die linke Szene in Südtirol! Das lebt & werkt mit am Landl wie selbstverständlich. Allerdings kennt Italien keine Fünfprozentklausel, und so kam die Neue Linke/Nuova sinistra 1978 mit 3,65 Prozent der Stimmen in den Landtag (in Bozen 10%). Immerhin als viertstärkste Partei nach SVP, DC und PCV/KPI!

Es gibt auch eine linke Zeitung, die Südtiroler Volkszeitung/SVZ (Postfach 155, I-39100 Bozen), die 14täglich erscheint und von Begeisterten in ihrer Freizeit gemacht wird. Die Redaktion ist in einem putzigen roten Gartenhaus unter der Autobahn.

Die Verkörperung dieser Szene ist so recht der Xandl Langer, geboren 1946 in Sterzing als Sohn eines Arztes aus Wien und einer Tiroler Mutter. Nach Studien in Florenz, Bonn, Trient und Rom kehrte er in seine Heimat zurück, um im politischen Sumpf dort etwas umzurühren. Er hat zwei Doktorate, ein juridisches aus Florenz und ein soziologisches aus Trient, schämt sich aber für die Titelsucht seiner Landsleute und redet den Landehauptmann mit „Herr Magnago“ an. Seit Anfang der 70er Jahre bei der Gruppe „Lotta continua“, war er 1975-77 verantwortlicher Redakteur der gleichnamigen Tageszeitung in Rom. Nebenbei zwei Jahre Oberschullehrer in Rom und Südtirol.

Langer ist der typische Südtiroler Intellektuelle neuen Schlags: lateinisch in seiner Gestion, deutsch in der Gründlichkeit seiner Analyse. Italienisch spricht er womöglich noch schneller als Deutsch, den Finger in der Luft kreisend, aber nicht etwa machistisch-penetrant, eher weiblich-weich, in den Hüften wiegend, ein Homme à Femmes. Man muß erlebt haben, wie er als Einzelner den ganzen südtiroler Landtag, 34 Mann (und Männinnen) auf den Kopf stellt!

Alexander Langer,
Abgeordneter der Neuen Linken/Nuova sinistra im Bozner Landtag: neue weiche Intellektualität

Er hatte die Idee, daß man den Verfall der bäuerlichen Gemeinnutzungsrechte durch ein Gesetz aufhalten könne — also brachte er es ein (das kann man dort auch als einzelner Abgeordneter). Die „Nutzungsrechte“ sind der letzte Rest des Urkommunismus, diejenigen Holz- und Weiderechte, welche die Bauern noch gemeinsam auf ein Stück Land haben, das Gemeinbesitz ist, wie früher das ganze Land (germanische „Allmende“). Die Großbauern haben sich diese Parzellen mit der Zeit angeeignet.

Das Problem ist alt. Schon Marx hat sich vor anderthalb Jahrhunderten damit beschäftigt, als er anläßlich der Debatte des Rheinischen Landtags über das Holzdiebstahlsgesetz in der Rheinischen Zeitung kritisierte, der Landtag habe „die exkutive Gewalt“, also die Behörden, „zu materiellen Mitteln des Privatinteresses herabgewürdigt“ (nämlich der Waldbesitzer gegen die „Holzdiebe“, die ja nur ein altes Recht in Anspruch nahmen). [8]

In Bozen ging’s besser aus, und Langer konnte 80 Prozent seiner Forderungen durchsetzen. Zwar wollte die SVP das nicht zugeben, sie brachte ihren eigenen Gesetzentwurf ein, und durch den Druck der Linken (angesichts bevorstehender Gemeinderatswahlen) konnte sich dann der „Arbeitnehmerflügel“ in der SVP mit den linken Forderungen durchsetzen. Langer: „Offensichtlich ist da jemand vom Roß gefallen. Ich wünsche noch viele solcher Reitpartien!“ An der Rückwand des Sitzungssaals hängt ein überlebensgroßer Christus ohne Kreuz: sein Kreuz ist der Landtag selbst. Schmerzverzerrt blickt er auf die Landesführung ...

Säufer gegen Fixer

Die Linken, das sind die Außenseiter in Südtirol. An der Spitze der Liste für den Bozner Gemeinderat stehen eine Frau und der Arbeiterpriester Luis Pichler, der in der Aluminiumfabrik arbeitet. In Sterzing besteht die Liste Neue Linke aus Italienern (Zoll, Gastgewerbe) und einem deutschsprachigen Jugendlichen, der als drogensüchtig gilt. Langer nach der Gründung im Hotel Post: „Tutti freak senza Frack!“ Eine Sterzinger Bürgerin meinte: „Eine alternative Liste kann doch nicht von einem Drogensüchtigen angeführt werden.“ Darauf ihr Sohn: „Die anderen sind alle alkoholsüchtig!“

Wenn Südtirol auch konservativ ist, wird es doch von den fortschrittlichen Reformen Italiens affiziert: Abschaffung der Noten in den Schulen, Einheitsschule bis 14 Jahre, Integration der Behinderten, Fristenlösung (die in Bozen, zum Unterschied von Innsbruck praktiziert wird!) Wie ich am Abend mit Reinhard, Sabine und ihrem Bruder Matthias über die kulturelle Differenz diskutiere, meinte Matthias, der jetzt in der BRD lebt: „Ich habe den Eindruck, daß die Südtiroler unterschätzen, was sie in den letzten Jahren von den Italienern aufgenommen haben. Das gilt auch für die Italiener. Jetzt hört man oft auf Tiroler Zinnen ‚Wie ist die Welt so groß und weit‘ auf Italienisch gesungen. Früher konnte man von der Physiognomie her trennen, du wußtest, wer ist wer ... Das geht heut nicht mehr. Die Handelskammer war ja immer gemischt, da war’s nie ein Problem.“

„Und wenn der Magnago morgen eine Volksabstimmung ansetzt, wie würdet ihr euch entscheiden?“

Sabine: „Ich würde mich für Italien entscheiden (der Reinhard vor fünf Jahren noch für Österreich). Wenn die Frage stünde: Italien oder Nordtirol, würde ich glauben, daß die Mehrheit für Italien entschiede.“

Matthias: „Die Nordtiroler mögma net. Die sind ruach [= eckig, klobig].“

Sabine: „Die Nordtiroler drängeln so, als Südtiroler kommt man sich vor wie jemand aus einer unheimlich viel feineren Kultur. Sozialisation in einer italienischen Stadt!“

Die Volkstumskämpfe werden noch mit den Hinterteilen der Autos ausgetragen; dabei dient die Landesplakette mit dem „I" als Imponiergerät: „I bin a Südtiroler.“ „I sta per Italia.“ „I bin lei a Leahrer.“ „I vol dire Italia.“ „Mei Ruah will I habn.“

Libanisierung?

Der drahtige Journalist Gerd Mumelter, in Rom genauso zuhause wie auf den Zinnen der Dolomiten, sieht die südtiroler Entwicklung in einem größeren Zusammenhang: „Auf der ganzen Welt gibt’s einen Gegentrend zur Zentralisierung; man sagt: schaun wir auf’s Regionale, was wir hier haben! — Andere Minderheiten in Italien wären begeistert, wenn sie sowas kriegten wie die Südtiroler, z.B. die Sarden. Es besteht allerdings die Gefahr, daß unser autonomistisches Modell zu einem ethnischen Apartheidsmodell entartet. Läuft es auf eine totale ethnische Trennung hinaus?“

Der rechte Flügel der SVP um den „Heimatbund“ tendiert wohl zuerst zur Loslösung à la San Marino, im Weiteren zum Anschluß. Langer zitiert: „Der Dr. Michl Ebner hat dem (Berliner CDU-Chef) Lorenz unlängst hier gesagt: in Südtirol wird dem Volk das Selbstbestimmungsrecht genauso verweigert wie in Westberlin! Für diese Variante halten sie einen Kreis der möglichen Abstimmungsberechtigten fest. Das könnte sich aber auch einmal umkehren in einen Kreis der Auszuweisenden ...“

Ein Schütze:
SVP-Funktionär Dr. Michl Ebner (links) auf einer Honda
Bild: SVZ

Ein italienischer Soziologe, Professor Sabino Acquaviva aus Padua, hat schon einige „Lösungsvorschläge“ gemacht. Eine erste, milde Version: Festschreibung der Volkstumsquote zum Zeitpunkt des Pakets (1972). Eine „libanesische“ Variante mit radikaler ethnischer Trennung: Die Grenze der Volkstümer soll durch Klausen verlaufen, südlich von Bozen. Nördlich davon liegt der deutsche Teil, südlich der italienische. 30.000 Menschen mit der „falschen“ Sprache sollen „ausgetauscht“ werden. Kommt der nördliche Teil dann zu Österreich? Oder wird er eine bayrische Enklave?

Er hat ein Separationsrezept:
Terrorspezialist Prof. Sabino Acquaviva aus Padua

„Mitteleuropa“ ist der Autoaufkleber der Straußianer: in gotischer Frakturschrift mit dem Habsburgadler, schwarz auf gelbem Grund, dazu den habsburgischen Hausorden vom goldenen Vlies (ich sah’s auf einem 3,3-Liter-BWM). „Nihil de nobis sine nobis!“ — „Nichts über uns ohne uns!“ Italien soll am deutschen Wesen genesen. Wenn ganz Westeuropa rot wird, ziehen sich die Konservativen in die Ordnungszelle Alpenland zurück. Alle Jahre wieder wird am 18. August in Triest der Kaisergeburtstag gefeiert.

[1Norbert C. Kaserer: Eingeklemmt, Innsbruck 1979

[2Günther Alois Baur: Freizeit- und Jugendpolitik in Südtirol, Diplomarbeit Marburg 1979 (Bauer arbeitet jetzt beim sozialistisch-katholischen Gewerkschaftsbund CISL in Brixen)

[3SVP = Südtiroler Volkspartei, christkonservative Mehrheitspartei in Südtirol (1978: 61,3 Prozent der Stimmen)

[4DC = Christdemokratische Partei (italienisch; 10,8 Prozent der Stimmen in Südtirol 1978)

[5Und was ist der Dank der SVP? „Die schielen ja lieber nach München als nach Wien“, klagt Landtagsabgeordneter Langer. — Durch ein Stipendiengesetz vom 25. Jänner 1979 hat Österreich überdies einen Wunsch der SVP realisiert: die deutschsprachigen Südtiroler werden mit den Österreichern gleichgestellt, die italienischen und ladinischen Südtiroler nicht.

[6CGIL = größter italienischer Gewerkschaftsbund, von der KPI dominiert

[7Leopold Steurer/Karl Stuhlpfarrer: Südtirol 1919-45, Bozen 1977 (s.a. Steurers soeben im Europa Verlag, Wien, erschienene Dissertation, & die Options-Nummer der Zeitschrift Föhn, Heft 6/7 1980 (Museumstr. 1, Innsb.))

[8Marx/Engels-Gesamtausgabe (MEGA), Bd. I/1, Berlin 1975, S. 232 (= Rheinische Zeitung vom 3. November 1842)

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