Heft 5-6/2002
November
2002

Sex mit Jod*

Im Universum der Social Fiction, das viele Möglichkeiten der Gestaltung sozialer Beziehungen eröffnet, kreisen Geschlechterverhältnisse in sattsam bekannten Bahnen. Ihr Ausdruck in körperlicher Nähe und sexuellen Akten bleibt erstaunlich dichotom, denn die Kreation des Cyborg Jod – der in der Haupterzählung ebenso wie in der Parallelführung, der Legende des Prager Golem, eindeutig männlich konstruiert wird – schafft keine Überschreitung. Geschaffen aus militärischen Überlegungen zur Verteidigung der freien Stadt Tikva gegen die Enklaven riesiger Konzerne mit einer „Hauptprogrammierung zu Schutz, Überleben und Informationsbeschaffung“ (S 111), entwickelt sich Jod für die Protagonistin Shira von einer Maschine zum idealen Beziehungspartner und Vater ihres Kindes. Der erste Schritt dazu beruht auf einer veränderten Wahrnehmung Shiras: Jod wird für sie schrittweise von einer gut funktionierenden Maschine zu einer Person mit eigenem Bewusstsein. Die „Personwerdung“ des Cyborg scheint die erste Bedingung zur Entwicklung einer Beziehung, die Wahrnehmung des Cyborg als männliches, geschlechtliches Wesen markiert eine weitere Voraussetzung dieser Beziehung, welche sich im Laufe der Erzählung auch zu einer sexuellen entwickelt. Männlichkeit wird – in der gesamten Figurenzeichnung wie auch in der des Cyborg — durch physisches und intellektuelles, auch künstlerisches Potential charakterisiert; emotionale und beharrlich werkende (Re-)Aktion zeichnet die Protagonistinnen aus. Diese altbekannte Geschlechterdichotomie in der Zuweisung von Vernunft und Gefühl spiegelt sich selbst in der Konstruktion Jods wider: Von der Vaterfigur Avram erhält Jod seine Hardware und Teile seiner Programmierung als Verteidigungsmaschine; Malkah ergänzt weitergehende Programmierungen bis hin zur Möglichkeit von sexueller Erfahrung, und Shira wird zu Jods Einführung in das menschliche Sozialleben engagiert. Letztere treibt über weite Teile der Geschichte die Liebe zu ihrem kleinen Sohn in lebensbedrohliche Abenteuer, vielleicht auch in die Hände von Jod, dessen Wiedererstehen sie nach seiner Selbstzerstörung für wenige Stunden imaginiert. Doch die Schöpfung künstlichen Lebens in seinen mechanischen Formen scheint seit Pygmalion und allen romantischen Variationen bis in den Bereich der Future-Trash-Produktionen ein männlicher Traum. Sie hingegen respektiert seinen letzten Willen, „Kaf darf es nicht geben“ (O-Ton einer Aufzeichnung des sorgenden Cyborg, der seine Geliebten sicher bewahrt und seinen Schöpfer, die Vaterfigur, konsequent mit in den Tod nimmt. S 505). „Sie konnte nicht Avram sein. Sie konnte nicht ein Wesen fabrizieren, damit es ihr diente, nicht einmal in der Liebe.“ (S 506) Die konventionelle Zeichnung der Geschlechterrollen in einem Genre, das sich heterosexistischen Beziehungsgeflechten gut entziehen könnte, bleibt selbst in der Phase der Initiative aufrecht: Es ist Jod, der Shira umwirbt und sein Angebot, das sie annehmen oder verwerfen kann.

Anna Mitterer: Piktogramme

Das intensive Bedürfnis nach Monogamie und allen inkludierten Versprechen wird konventionell und doch unter verkehrten Vorzeichen thematisiert. Fragen von Besitz und Eifersucht gewinnen in Verbindung mit einem technischen Gerät, das eine (nichtmenschliche) Persönlichkeit entwickelt und mit einem attraktiven männlichen Körper und zweckmäßiger Programmierung ausgestattet wurde, reizvolle Aspekte. Das Gemeinschaftsgut Android, das wegen bekannter Vorbehalte als Geheimwaffe gefertigt wurde, sollte als freier Bürger anerkannt werden, auch um in ein Zweierbeziehungsmodell mit wesentlichen Vorzügen eintreten zu können: „Du meinst, du bist immer bereit?“ Sie lachte, halb vor Verlegenheit. „Trifft das auf jede zu? Könntest du es mit jeder zu jeder Zeit tun?“ Er legte seine Hand auf ihre bloße Schulter. „Shira, ich begreife die pragmatische Grundlage moderner Monogamie: wenn ich es nicht mit jemand anders tue, tust du es auch nicht. Das ist mir angenehm, wenn es dir das auch ist.“ (S 380) Der Cyborg wird in jenen Abschnitten, die den sexuellen Akt zwischen Shira und Jod schildern, als perfekter Liebhaber mit einem vollkommenem Körper dargestellt: als Liebhaber, der selbstlos agiert und nicht müde wird, der keine Risken von Krankheiten oder ungewollter Schwangerschaft birgt, dessen Sensoren die kleinsten Reaktionen seiner Geliebten erfassen und darauf reagieren können („es war eine leidenschaftliche, intensive Aufmerksamkeit, die noch von der außerordentlichen Geschicklichkeit seiner Hände und seines Mundes verstärkt wurde“ (S. 202)) Neben diesen Qualitäten vermittelt der Cyborg seiner Geliebten auch Sicherheit und Stabilität, Phantasien, die in dieser Konstellation ein Besitzverhältnis symbolisieren, das gegen das patriarchale Muster der Differenz — gehört eine oder mehrere Frauen (zu) einem Mann — gesetzt wird: „Mit Jod zu schlafen gab ihr ein Gefühl von Stärke. (...) Er gefiel ihr, daran hatte sie in letzter Zeit nie mehr Zweifel. Sie schien ihm zu gefallen. Er war unveränderlich. Er würde nicht morgen zu der Ansicht gelangen, dass sie nicht gut genug war oder daß er statt dessen jemand anders wollte. Er hatte die Zuverlässigkeit einer gut gebauten Maschine, die, solange sie funktionierte, das tat, was von ihr erwartet wurde.“ (S 381) In Bezug auf Monogamie verweist der Text eindeutig darauf, dass es sich um eine gesellschaftlich konstruierte Verhaltensnorm handelt, die der Cyborg aus pragmatischen Gründen einzuhalten bereit ist. Diese Regel im menschlichen Zusammenleben der Gesellschaft Tikvas ist jedoch eine ebenso erlernte, wie Sexualität erst erlernt werden muss, denn vorerst bietet er Malkah noch intimen Kontakt an, als er ihr — unmittelbar nach einer gemeinsamen Nacht mit Shira — in den Morgenstunden begegnet.

In dieser SF werden zentrale Erzählstränge um die Mutterfiguren Malkah und Riva gebaut, deren Karrieren und persönliche Faszination durch vielfältige Formen lustbetonter Selbstbestimmung markiert werden. Malkahs Programmierung garantiert erst den funktionalen Einsatz des Cyborg, den sie zum Entsetzen ihrer Enkelin Shira ebenso in seinen intimen Details ausprobiert. „Jod war mein wahrer letzter Liebhaber. Nach ihm würde ich keinen anderen begehren. Ich hatte ihn geschaffen, alles zu sein, was ich mir wünschte, und jetzt hatte ich ihn gehen lassen. (S 208f.) Als Sexualpartner wird Jod von der Großmutter an die Enkelin weitergereicht, was auch die Themenbereiche Inzest und sexuelle Konkurrenz im Roman berührt, ohne sie erschöpfend auszuführen. Als Shira entdeckt, dass Malkah es war, die Jod initiierte, gilt ihre Wut allein Malkah, in der Folge wird dieser Erzählfaden aber nicht mehr aufgenommen, selbst der Cyborg wird mit der Erkenntnis Shiras nicht konfrontiert. Die Eifersucht gegenüber ihrer Großmutter unterscheidet sich scheinbar nicht von einer Eifersucht, die sie einer anderen Frau entgegenbringen würde; im entsprechenden Streitgespräch zwischen Malkah und Shira wird das verwandtschaftliche Verhältnis nicht thematisiert.

Riva, die biologische Mutter Shiras, ist eine konzernübergreifend gesuchte, sich verwandelnde, kriegerische Agentin, Piratin, moderne Heilige und Lesbe. Sie verkörpert das zukunftsfähige Modell des/der Cyborg, Menschen mit Implantaten, die als Waffen und Schutzvorrichtungen fungieren. Ihr Status muss nicht erst mühevoll geklärt werden, ihre Persönlichkeit ist menschlich, ihre Loyalität basiert auf rationalem, ideologischem Kalkül und die gewählten Affinitäten werden ebenso altruistisch verfolgt, wie eine Maschine den Eingabebefehlen nur gehorchen kann. Deren zeitweilige Partnerin Nili repräsentiert die Aufhebung einer binären Geschlechterkonstruktion, verortet in einem sozialen System, deren Normalität kybernetische Organismen darstellen. Ganz im Sinne Haraways [1] Geschöpfe der gesellschaftlichen Wirklichkeit und der Fiktion, „eine Art zerlegtes und neu zusammengesetztes, postmodernes kollektives und individuelles Selbst“. In ihrem politischen Ziel der Vernetzung widerständiger Gruppen wird eine feministische Konstante personifiziert, die Identitätskonzepte bereits transzendierte und nach temporären Affinitäten sucht. Zwangsheterosexualität erscheint in abgeschotteten Enklaven suspendiert und doch treten besonders an den gesellschaftlichen Extremen, den Konzernwelten und der Sphäre der Deklassierten, dem Glop, Zusammenhänge von Macht und Sexualität in patriarchalen Mustern an die Oberfläche.

Die Sogwirkung dieser Form der Unterhaltungsliteratur resultiert aus einer Fülle an Entwürfen, die unterschiedliche Problembereiche skizzieren. Herrschaftsmechanismen werden durch einen genauen, detailorientierten Blick karikiert, wobei das Negativmodell in diesen Konstrukten viel eher Gestalt gewinnt als Utopien der Selbstorganisation und Emanzipation. Gegenentwürfe zu heterosexistischen, monogamen Beziehungen und Cyborgs wie Nili agieren am Rand der Erzählung, die handlungstragende Protagonistin wird in binären Geschlechterrollen verortet. Die Möglichkeit einer großen Gegenerzählung bleibt unversucht, eher symbolisieren einzelne Figuren oder Organisationsweisen Fluchtlinien in einem Szenario permanenter Bedrohung, das häufig rasche Reaktionen erfordert und autonomen Kreationen wenig Raum lässt. Manche dieser Romane können als Zeitdokumente gelesen werden, ein Klassiker dieser Form, Planet der Habenichtse (Ursula Le Guin) spiegelt die Systemkonkurrenz des Kalten Krieges wider, die Erzählung um die Schöpfung künstlichen Lebens, das primär der Verteidigung eines schutzbedürftigen Kollektivs dient, war für Marge Piercy Anfang der 90er Jahre adäquate Form der Kritik in einer postindustriellen Phase des Kapitalismus, dessen Machtzentren entsprechende Widerstandsoptionen provozieren.

[1Donna Haraway, Ein Manifest für Cyborgs, in: Die Neuerfindung der Natur, Campus 1995.

*) Zehnter Buchstabe im hebräischen Alphabet und das werkimmanent erfolgreichste Exemplar in einer Reihe von Cyborgs in Marge Piercys Er, Sie und Es. Die Autorin verwendet hier einige Elemente der jüdischen Tradition, darunter Erzählstränge, deren Figureninventar oder Focus verschoben wird. Der Versuch einer Modifikation der Geschlechterverhältnisse inkludiert alternative Geschichten, Frauenrollen werden explizit ins Zentrum gerückt, so etwa Chava, Enkelin des Rabbi Löw, in der Erzählung über die Verhältnisse im Prager Ghetto, der Glop in einer Abfolge von Antisemitismen. Donna Haraway beschreibt ausführlich die Bedeutung des Schreibens, des Wieder- und Neuerzählens zentraler Mythen, die Kommunikation neu kodieren, um hierarchische Dualismen und Identitäten zu verkehren. Piercy bedankt diesen Text (vgl. 2) als „außerordentlich anregend“, eine Realisierung dieser Anregungen scheint gerade in ihrer Brüchigkeit gelungen.

Eine Nachricht, ein Kommentar?
Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)