FORVM, No. 480
Dezember
1993

»Wenn ich Multikultur höre ...«

Zur Schwierigkeit mit der Grammatik eines Zusammenlebens

Die Anlehnung an den durch Adornos plakativen Gebrauch zu einer berühmten Verflachung gewordenen Konditionalsatz aus Hanns Johsts »Schlageter« im Titel soll nicht darüber hinwegtäuschen, daß hier eine Parallelität zwischen heute und damals schlechthin hergestellt wird. Sie kann aber auch nicht umhin, auf einen bewußten Perspektivismus hinzuweisen.

Die Einsicht, daß der Gipfelpunkt der bürgerlichen Entwicklung damals durch jene Macht erreicht wurde, die keine Angst vor dem Geist hatte, den sie zu ihrem Mittel machte, ist wiederum Adorno zu verdanken. Die Singularität NaziDeutschlands besteht ja hauptsächlich darin, daß es nicht bloß ein Rückfall in die Barbarei war. Wie jede Singularität hat aber auch sie eine paradoxe Beschaffenheit; einerseits bedeutet sie einen zeitlich oder räumlich abgeschlossenen Zusammenhang, andererseits ist sie als ein kategorischer Wert festzusetzen, der eine kontinuierliche Gültigkeit beansprucht. So kann man rückblickend sagen, daß Deutschlands befreiender Diskontinuität immer eine historische Kontinuität anhaftete. Diese symbiose, die sich auf fast allen Ebenen der aufrechterhaltenen Gegenwart sichtbar machte, entwickelte sich zu einer merkwürdigen Normalität, die sich bis zur Aufhebung der DDR je nach der systemspezifischen Identität der geteilten Nation unterschiedlich erfassen ließ. Wenn sich aber heute die infolge der nationalen Einheit erzielte Gesamtnormalität als die »Wiederherstellung einer zeitweise unterbrochenen Kontinuität in der Zeit« (Habermas) kenntlich macht, wird es nicht mehr leicht sein, sich auf die befreiende Kraft der Diskontinuität zu verlassen. Die neue Normalität der Deutschen will etwas annulieren, was eine positive Funktion zur Fortwirkung der Diskontinuität erfüllte, nämlich die wegen ihrer Befindlichkeit negativ wirkende Normalität der Nichtdeutschen. Ihre Existenz dient von nun an der deutschen Negativität, die den Alltag in den Bann der Kontinuität zu ziehen droht. Seltsam genug ist die Hypothese, daß Deutschland wıeder ausländerreın werden muß, damit die Singularität des Nationalsozialismus höchstens unter dem Aspekt der Diskontinuität aktuell bleibt.

Auch die zweite Nachkriegsperiode auf deutschem Boden erwies sich als eine Singularität. Daß der nationale Rohstoff sowohl der fremdbestimmten pluralistischen Demokratie im Westen als auch des selbst von seinem Stammvater als provisorisch angesehenen Sozialismus im Osten aus demselben Rest des Faschismus bestand, war einmalig in der Welt.

Dank dem ideologischen Kampf und den ökonomischen Erfolgen gerieten die infrastrukturellen Startbedingungen schnell in Vergessenheit, und die Deutschen konnten sich des Respektes der sich noch im Ausland befindenden Nichtdeutschen erfreuen. Insbesondere dem BRD-Staat verbürgte seine finanzielle und technologische Überlegenheit die Konsolidierung eines weitgehend positiven Gesellschaftsimage, so daß die Tatsache, daß die Republik klammheimlich den altbewährten Nazis Abrahams Schoß wurde, daran nicht wirksam kratzen konnte.

Angesichts seiner Integrationskraft wurde dem System selbst die intellektuelle Revolte von 1968, die es eigentlich Lügen strafte, ein unerwarteter, aber willkommener Anlaß, sich von den letzten häßlichsten Verkrustungen der Fassade zu entlasten. Adornos Verdikt über die Barbarei des Gedichteschreibens wurde auf einmal bekannter als seine spätere Relativierung durch die Formel des objektiven Zynismus einer heiteren Kunst nach Auschwitz.

Schließlich hat die Ostpolitik der sonst schüchternen Sozialdemokratie beachtlich dazu beigetragen, in »Auschwitz« die neue Stunde Null zu sehen. In dieser Hochstimmung wurden manche Randerscheinungen wie die völkische Treue zur sprachlichen Überlieferung nicht ernst genommen; das im Volksmund so verbreitete Verbum infinitum »vergasen« kam für viele einem Ausrutscher gleich, und nicht einer Konkretisierung der Kombination von Sprache und Denken. Das sprachlich verstreut vorkommende Bewußtsein fand seine politisch repräsentative Artikulation in der Bemühung, aus dem Schatten der kriminalisierten Geschichte herauszutreten. Den lästigen Balanceakt wollte man endlich loswerden, aber in Wirklichkeit auch nicht so weit gehen und Auschwitz der Lüge bezichtigen. Dieses überließ man anstandshalber den ewig Gestrigen, die vom Pluralismus des Rechtsstaates auch den letzten Zweifler überzeugen sollten.

Der etappenweise vorgesehene Austritt aus der Geschichte geschah durch den hastigen Anschluß der beitretenden DDR überraschend, und das neue Deutschland wagte es, den Luxus der reinen Diskontinuität zu genießen, den sich das alte nicht hatte leisten können. In der klaffenden Leere der historischen Bodenlosigkeit verschwand aber die Diskontinuität auf unabsehbare Zeit; das Stigma von Mölln und Solingen wird kontinuierlich vor Augen führen, wie teuer der Versuch zu stehen kommt, sich von der schicksalhaften Kontinuität befreien zu wollen. Dabei war die Erinnerung an die großzügigen Veräußerungen der Diskontinuität in der jüngsten Vergangenheit nur allzu lebendig.

Das Heidelberger Manifest der Professoren, die sich anschickten, die Kontinuität in Stil und Argumentation zu bewahren, wirkt heute wie die intellektuelle Vorbereitung auf die Brandanschläge. Die politische Flankierung erhielt das Bekenntnis der Wissenschaftler vom nach bayerischer Art angesagten Kampf gegen die »durchraßte« Gesellschaft. Die Frage, inwieweit solche Enthüllungen als geistige Auslöser der jugendlichen Dynamik der Nation fungiert haben, stellt sich heute, auch im ambivalenten Zusammenhang der Historikerdebatte, noch krasser. Es erscheint jedoch geboten, die in der neuesten Phase der Republik gebietende Interferenz zu beachten. Dem sich offen der Kontinuität zuschreibenden Geist steht sein skeptischer Konkurrent gegenüber. Er ist besonders ubiquitär, versäumt weder die Lichterketten noch die Bestattungsfeier der Opfer und tritt mit radikalen Aufforderungen wie zur Ausdehnung des Deutschtums auf Nichtdeutsche auf. Während dieser die Diskontinuität verkörpern und in Sachen »Image« sensibel sein will, läßt jener an den faschistischen Agitator denken, der sich in der »rhetorischen Figur der Apophase« (L. Löwenthal) gut auskennt. Wie die Untrennbarkeit von Kontinuität und Diskontinuität schließen sich auch die beiden Typen nicht aus. Sie haben sogar eine Gemeinsamkeit, auf die sie als Verfechter des Rechtsstaates nicht verzichten können. Das Verantwortungsbewußtsein, das sie immer bei sich führen und bei jeder Gelegenheit wie eine Identifikationskarte vorweisen, deutet schon auf ein stilles Abkommen zwischen ihnen und der Wählerschaft hin. Daß sie die jungen Mörder als seelisch verwahrloste Einzelgänger, die mit dem Instinkt der Zukurzgekommenen agierten, diskriminieren, rührt nicht nur von der persönlichen Sorge um ein reines Gewissen her. Wie gesagt, geht es hier auch um die politische Verantwortung. Indem er die Marginalität dieser Lebensläufe immer wieder betont, glaubt der redende Politiker, den nationalen Wert der Majorität zu retten, die ihm mit ihrem Schweigen politischen Handlungsraum zubilligt. Es fällt auf, daß dieses Abkommen nach der nationalen Einheit die Tendenz hat, eine gesellschaftliche Totalität zu beanspruchen. Deshalb drückt die Befürchtung, »daß kein zweites 68 die Bundesrepublik aus einer zweiten Lebenslüge erwecken würde« (Habermas), die Tatsache aus, daß der Spielraum des »avancierten Bewußtseins« (Adorno) erheblich reduziert worden ist.

Es ist nicht zu leugnen, daß das politisch-kulturelle Wesen der Bonner Wende nicht genung in das Bewußtsein derjenigen eindrang, die die Integrationskraft des Systems positiv auslegten. Der Optimismus über die Bereitschaft, die ethnische Vielfalt im Lande nicht außerhalb des Begriffes »Volk« zu akzeptieren, und das Vorurteil über die durch die Erfahrungen aus der 68er Revolte, dem Terrorismus und dem Umweltbewußtsein bereicherte Phase der Republik Anfang der 80er Jahre kulminierten in der multikulturellen Utopia. Die fast grenzenlose Hoffnung auf die republikanische Reife, auf der man aufbauen wollte, hatte ihre Bestätigung ausschließlich in der multikulturellen Koexistenz in der Gesellschaft gesehen. Komplementiert wurde dieses Bild durch statistische Daten, die den Eindruck vermittelten, die auftretenden Vorurteile und die Bereitschaft zur Gewalt seien unter psychologischen, kognitiven und soziologischen Aspekten tendenziell nicht für unnormal zu halten.

Was hierzu übersehen wurde, war die effektive Unwissenheit über den Sachverhalt, der die Wurzeln des Übels zu erkennen geben würde. Im Gegensatz zu anderen westlichen Ländern wurden in Deutschland kaum wissenschaftliche Versuche unternommen, die verschiedenen Erscheinungsformen des Rassismus ans Tageslicht zu bringen. Neben der typischen Vergangenheitsverdrängung spielte dabei auch das fehlende Bewußtsein eine entscheidende Rolle, daß der Rassismus den Begriff der Ausländerfeindlichkeit ersetzt wurde; mit ihm, der die menschliche Angstreaktion gegenüber einer eventuellen Überfremdung beschreiben sollte, wollte man gleichsam um Verständnis werben. Das Ergebnis dieses Euphemismus, die gewollt oder ungewollt verursachte begriffliche Verwirrung, kann man heute noch in der Mediensprache antreffen.

Wie dem auch sei, auch dieses Erkenntisdefizit konnte nicht verhindern, daß der vom erziehbaren Niveau der Gesellschaft überzeugte Standpunkt auf die reale Situation — eher emotional als politisch — reagiert und ein Projekt der interkulturellen Erziehung entwickelt hat, das langfristig selbst die Überwindung der monistischen und pluralistischen Integrationen vorsieht. Seine These, die jungen Menschen, die sich in der Interaktion miteinander befänden, seien nicht mehr der ideologischen Hierarchie des kulturellen Partikularismus zu subordinieren, weil sie durch ihre praktische Befindlichkeit eine gemeinsame und emanzipatorische Kultur entstehen lassen würden — diese These stützt sich auf die Gleichwertigkeit der Kulturen und die individuelle Pontentialität, sich auf der Grundlage der eigenen Identität den Andersartigkeiten zu stellen. Im mutigen Interaktionismus der interkulturellen Erziehung, der, weil er nicht konfliktscheu ist, eine problemorientierte Praxis der geistigen Befreiung darstellt, decken sich die Relativität der Fremdheit und der wohlgeneigte Wille, das Eigene nicht mehr als die absolute Instanz zu betrachten. Zwar kommt einem das Gesamtprojekt wie ein synthetisches Experiment vor, die aufklärerische Ethik mit der zum Teil religiös anmutenden Moralität zu verschmelzen; bemerkenswert ist jedoch, daß es vom Begriff der Weltkultur, hinter dem es eine Ideologie wittert, nicht viel hält. Stattdessen setzt es sich die kulturelle Individualität zum Ziel und bewegt sich so in der unmittelbaren Nähe des anthropologisch-kritischen Idealismus, der die Kultur vom Joch der national-kollektiven Identität befreien und in eine individuelle Errungenschaft verwandeln will.

Wenn man genauer hinsieht, ist es unverkennbar, daß sich der pädagogische Ansatz auch durch die kulturanthropologische Kritik, die inzwischen ein integrierender Bestandteil der deutschen Geistesgeschichte geworden ist, hat inspirieren lassen. Es gibt nicht Natürlicheres als das. Die Keimzelle der Idee war ja der bundesdeutsche Boden, auf dem die Begegnung mit den Nichtdeutschen stattfand, die hinsichtlich der Beziehung zur Vergangenheit in der national geteilten Gegenwart eine geistige Herausforderung bedeutete. Und der wirklich liberale Deutsche wußte, daß er ununterbrochen mit dem Schattendasein der Vergangenheit ringen mußte, um sich gegen das falsche Bewußtsein in der Gegenwart durchsetzen zu können. Deshalb impliziert die interkulturelle Erziehung zwangsläufig die bis dahin unterschätzte Dimension, die schwerverletzte Aufklärung zu aktualisieren und zu therapieren. Selbst Adorno, der schrieb, die »Beziehung zur geistigen Vergangenheit in der falsch auferstandenen Kultur ist vergiftet«, hoffte auf eine Korrektur des Bewußtseins, »indem man dem Vergänglichen am Vergangenen das Gegenwärtige abzwingt«.
Die Ende der 50er Jahre formulierte Korrekturmöglichkeit hatte verständlicherweise die aus der Sicht der Nichtdeutschen lebenswichtige Frage nach der Form des Zusammenlebens offengelassen.

Aber auch nicht alle Verfechter der multikulturellen Gesellschaft haben sich hierin entscheiden können, nämlich ob die angestrebte Integration ein systemstabilisierender Faktor sein oder zur Bildung eines Systems der höheren Ordnung führen soll. Ein nicht einfach zu beseitigender Konfliktpunkt bleibt die Divergenz zwischen den auf universalistischen Normen basierenden Theorien und sich über lokale Werte artikulierenden Idealen, die gegen die unbehagliche Anonymität der Weltgesellschaft ihre räumlichen und moralischen Grenzen ziehen wollen (M. Walzer). In der Tat leitet sich die negative Reaktion auf die interkulturelle Erziehung in Deutschland nicht in erster Linie von der für de facto existent gehaltenen Multikulturalität her, von der sie ihre handlungsorientierte Kritik bezieht und sich auf diese Weise grundsätzlich von der tradierten Pädagogik unterscheidet, sondern davon, daß es dem Volk der Dichter und Denker einfach an der Vergewisserung der eigenen kulturellen Identität fehlt, die die echte Aufgeschlossenheit gegenüber dem Fremden ermöglichen würde. Das Defizit zeigt sich in der genuin deutschen Umsetzung der transkulturellen Auffassung ungemein eklatant. Man erschließt sich der Kultur der sog. großen westlichen Nationen so weit, daß sich daraus Überanpassung und Verneinung der eigenen Identität ergeben. Der Minderwertigkeitskomplex, der infolge des Verlustes der historisch durch die Negation der Nichtdeutschen — und deshalb in bloß adjektivisch definierter Idee (L. Hoffmann) — bewährten deutschen Identität schmerzhaft erlitten wird, wird durch die Verachtung der anatolischen Bauern ausgeglichen. Ob die nationale Schizophrenie Ursache oder Wirkung des Konfliktes zwischen den partikularistischen und universalistischen Ideen ist, bleibe einstweilen dahingestellt.

Angesichts der unerträglich gewordenen Zusammengehörigkeit von Kontinuität und Diskontinuität wird eine Haltung des Synkretismus immer deutlicher im Alltag reflektiert. Daß Joan Baez als Nichtdeutsche an den Türen der zwei Mannheimer Discotheken abgewiesen worden ist, wäre als banales Mißverständnis zu qualifizieren, wenn die Ergebnisse einer Berliner Untersuchung nicht vorgelegen hätten:

Die Befürwortungen eines Zutrittverbots für Ausländer in den Discos geben zu verstehen, daß gerade diese zu Kultstätten des Deutschtums etabliert werden wollen, in denen die Rassenvermischung vermieden werden muß. Nicht zufällig liegen im touristischen Informationsbüro am Münchener Stachus die in sechs Sprachen verfaßten Zettel des »Anti-Rassistischen Telefons« neben den kulturellen Nachrichten. (Soll man sich dieses Phänomens schämen oder stolz sein auf die antifaschistische Hilfsbereitschaft?) — An der nordwestlichen Seite des Alten Rathauses in Bamberg hängen zwei Tafeln. Auf der einen gedenkt man der Deutschen, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben für die Heimat gegeben haben, während die andere den Juden und Widerstandskämpfern gewidmet ist. Das koexistentielle Gedenken der Täter und Opfer wäre harmloser, wenn dadurch bloß das Verbrechen verharmlost worden wäre. Der Duktus bekundet darüber hinaus, wie stabil die nationale Dankbarkeit gegenüber den eigenen Toten ist, deren Lebensaufgabe die Ermordung der Nichtdeutschen war. Der »Eklektizismus« (H.Glaser) der Nachkriegszeit stellt sich heute als ein Synkretismus heraus, der gemäß der pädagogischen Hierarchie in den Köpfen funktioniert.

Warum sich hauptsächlich die Türken den deutschen Haß, jene synkretistische Komponente, zuziehen — die Antwort auf diese Frage soll, bevor sie mit der trivialen Feststellung, die Türken seien die Achillesferse der Demokratie in Deutschland, zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehrt, von der gängigen Erklärung der Unintegrierbarkeit differieren. Die Geschichte lehrt, daß die einseitige Integration keinen Schutz vor der Verbrennung bei lebendigem Leib bilden wird. Auch die Bemühungen der gutwilligen Kreise, Brücken zwischen den Kulturen zu schlagen, können, wie die vergangenen Jahre beweisen, die negative Beziehung nicht aufheben; denn die Phänomenologie des Brückenbaus macht weniger die Verständigung als vielmehr die Kluft deutlich. Der positive Beitrag der türkischen Negativität zur Konstruktion des deutschen Selbstbildes machte manche Menschen auch in der Türkei kreativ, und sie erwarteten von ihrem Skinheads-Tourismus eine Pauluswerdung des Saulus.

Was dabei immer vergessen wird, ist, daß die nationale Normalisierung Deutschlands schon durch die vorhandenen Bilder auf die Türken projiziert wird. Diese, die sich unter dem Einfluß historischer Vergegenwärtigungen und des eigenen Rassismus gestalten lassen, haben sich in den letzten 30 Jahren durch die nächste Nähe der aus zurückgebliebenen Verhältnissen stammenden Menschen Anatoliens regelrecht bestätigt.

Die Türken (und auch die Kurden) kommen aus einer stets religiöse und nationalistische Fanatiker produzierenden Gesellschaft und maßen sich an, im europäischen Deutschland Fuß zu fassen. Obwohl sie die quantitativ größte Menge der Nichtdeutschen bilden, sind sie qualitativ ganz unten; sie sind überall und nirgendwo zugleich, haben keine gesellschaftliche Relevanz mit Außnahme ihrer äußerlichen Auffälligkeit, die durch eine islamisch-archaistische Primitivität geprägt ist. Was sie am meisten lesen, ist eine Boulevard-Zeitung, die jeden Tag mit dem Motto »Die Türkei gehört den Türken« erscheint, was ihre Doppelmoral bescheinigt. Die größte Kreativität dieser schwarzen Masse, deren Kunst- und Kulturverständnis nicht über die Grenzen der Nationalflagge und des Islams hinausgeht, ist ihre Fähigkeit nachzuahmen. Daß selbst hinter der »Waffenbrüderschaft«, der Antonomasie des Minderwertigkeitskomplexes à la turque, sich jene Fähigkeit versteckt hat, ist bei Tucholsky zu lesen. Lakonisch erzählt der Autor von einem in Paris kennengelernten Türken, der unter dem Befehl seiner preußischen »Lehrmeister« Dolmetscherdienste geleistet und bei ihnen bis zur Akzentuierung »es alles abgeguckt« hat. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn die Türken etwas von der deutschen Literatur gelesen hätten, anstatt sich den in Anatolien entweder als Militärs oder Lehrer erscheinenden Deutschen mit unermeßlicher Sympathie und Verehrung unterworfen zu haben. Gerade das hat vielleicht die Brandstifter provoziert. Dabei, daß die Greueltaten der Nazis erst in den 80er Jahren in das türkische Bewußtsein eingedrungen sind, spielte sicher auch, wie E. Plinke, der ehemalige Leiter des Istanbuler Goethe-Instituts, sagt, die »Verabsolutierung deutscher Sekundärtugenden« eine wichtige Rolle. Diese Verspätung, die die Türken das Leben kostete, hängt sehr eng zusammen mit der Unwissenheit eines verdummten Volkes über die europäische Entwicklung; mit anderen Worten, die Entschuldigung der Türken belastet sie mehr als ihr eigentliches Vergehen.

Die Mordanschläge, die die Deutschen verüben, als folgten sie dem Ratschlag von Voltaire, der 1768 an die Zarin schrieb, daß diese Barbaren unbedingt »ausgerottet werden müssen«, enthüllen eine für die Türkei peinliche Angelegenheit, und zwar das Gesicht eines Staates, der kein internationales Ansehen hat. Die einheimische Ohnmacht bei der Betrachtung des Fremden verursacht im allgemeinen, daß man in ihm die Inkarnation einer bedrohlichen Staatsform und Gesellschaft sieht, aus der er kommt. Wenn der türkische Staat, der den Kemalismus schon lange über Bord geworfen hat und in den Händen der türkisch-islamischen Synthese dabei ist, ganz und gar der Scharia ausgeliefert zu werden, etwas Prestige im Ausland gehabt hätte, hätten es die Deutschen nicht so einfach gehabt, mit ihren Ausrottungsaktionen ins Ziel zu treffen. (Sie sind nun sogar dem türkischen Staat dankbar, der mit seiner intoleranten Kurden- und toleranten Hisbollah-Politik die Öffentlichkeit von den Nazi-Aggressionen ablenkt) Und die Überzahl der Türken betet noch einen solchen Polizeistaat an. Indes — diese Feststellung sei erlaubt — wollen die Türken in Deutschland als geschätzte Mitglieder der Gesellschaft behandelt werden, müssen sie neben ihrem Kampf um die hiesigen Bürgerrechte auch sehen, daß das Land, das sie verlassen haben, im politischen und sozialen Sinn normalisiert wird. Die interkulturelle Erziehung war (ist?) vielleicht eine Chance, die historischen Versäumnisse auf beiden Seiten nachzuholen; sie schien wie die Wiederaufnahme der Entnazifizierung sowie Entislamisierung. Nicht von ungefähr war einer ihrer ersten Initiatoren ein türkischer Pädagoge (U. Akpinar, Asthetik und Kommunikation, 44/1981).

Um ihrem Begehren nach doppelter Staatsbürgerschaft Luft zu machen, experimentieren die Münchener Türken heutzutage mit einem wegweisenden Binnenreim: »Statt Rassismus zu schüren, Wahlrecht einführen!« Der exzentrische Glaube an die Konversionsfähigkeit der Macht, von deren Negativität man schon überzeugt ist, signalisiert etwas, was unter der Oberfläche der Naivität liegt; und das zeugt von einem neuen Realismus. Das politische Defizit der interkulturellen Erziehung, die auf das avancierte Bewußtsein und die Diskontinuität setzte, ist nicht durch die exotische Nutzbarmachung der Nichtdeutschen zu beseitigen, zu der die pädagogische Idee nicht selten tendierte. Es gibt ein Plakat des Abfallvermeidungskonzeptes der Stadt Nürnberg, auf dem ein lachender, umweltbewußter türkisch-kurdischer Gemüsehändler zu sehen ist; eine romantische Mischung aus Nikolaus, Clown und Kasperle des Schattenspiels. Das hygienische Bewußtsein hebt das fehlerhafte Sein des Ausländers am gesellschaftlichen »Unort« (C. Enzensberger) auf, indem es ihn mit seiner nützlichen Arbeit identifiziert. Die Integration, die statt über die Bürgerrechte über den Müll stattfindet, ist das Ergebnis der realen Multikulturalität, aber keine Realität; deshalb ein Ersatz, der den Fremden von seinem Wesen trennt, wie Saubermachen den Schmutz von seiner Substanz entfernt.

Der Umweltschutz ist kein original politisches, sondern ein kulturelles Bewußtsein; die angestrebte höhere Lebensqualität, die wie eine Folge des Altruismus erscheint, bezieht sich im Kern auf die zu genießende Selbstexistenz. Das haben zuerst die Romantiker formuliert, die ihre Individuation in der Aneignung des Fremden sowie Verfremdung des Eigenen entdeckten, wie »Essen und Absondern«, das das Bild der Vermischung von Natur und Geist bei Novalis vervollständigt. Daß einem eine solche Lebensauffassung gegen den Strich gehen und zu einem Politikum werden kann, dachte W. Benjamin, der aus dem Abfall der Geschichte Geschichte machen wollte. Aber das moderne Umweltbewußtsein, das heute den Abfall zum Sinnbild der Kultur gemacht hat, ist offenbar den Nazis zu verdanken, bei denen zum ersten Mal »von der »Gasförmigkeit« des Abfalls ..., ebenso von »Altstoffwirtschaft« (L. Kuchenbuch) im wörtlichen Sinne die Rede war, was auch für ihre konsequente Ästhetisierung der Vernichtung steht.

Wie man sieht, ist ein Leben in Deutschland nicht möglich ohne das Bewußtsein von Kontinuität und Diskontinuität. Gleich der Metamorphose des Abfalls in Kultur könnte, wenn nun aus dem Gesagten ein Schluß gezogen werden muß, auch der den Boden der Republik beschmutzende Unwert des völkisch-nationalen und islamischen Fundamentalismus durch den Wert ersetzt werden — wenn die bisherigen Erfahrungen der kulturellen Kollisionen von nun an in der Politik ausgewertet würden. Die dafür nötige Entscheidung liegt logischerweise am Willen der die staatliche Obrigkeit beeinflußenden deutschen Majorität. Diese Illusion nährt sich aus der Erkenntnis, daß die Entpuppung der Heucheleien im Rechtsstaat dem in den Diktaturen betriebenen Humor ähnelt; die Kritik am Vorhandenen dient zumeist zur Stabilisierung dessen, was es ermöglichte.

P.S: Arge Angewandter Rassismus. Zu den Taten ist der Weg von den Thesen nicht weit: ihren Kern nahm der FPÖ-Generalsekretär 1983 auf, nachdem die »Ausländer Halt-Bewegung« sie verbreitet hatte; 10 Jahre später sind wir an Brandstiftungen und Briefbomben schon beinahe gewöhnt und fragen uns (nur mit Droh- und Schmähbriefen, mit brisanterer Post jedoch selbst nicht beehrt) betreten, ob wir zuwenig nachdrücklich öffentlich für die gefährdeten ausländischen MitbürgerInnen eingetreten sind. G.O.

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