Café Critique, Jahr 2009
Januar
2009

Über alles in der Welt

Stellungnahme zur antizionistischen Attacke des österreichischen Trotzkisten Michael Pröbsting auf den Journalisten Karl Pfeifer

Wenn Café Critique sich mit Karl Pfeifer solidarisch erklärt angesichts der unbeschreiblichen Infamien, die gegen ihn vom ArbeiterInnenstandpunkt publiziert wurden, dann nicht nur deshalb, weil wir uns ganz allgemein mit dem Zionismus als politischer Emanzipationsbewegung von Juden und Jüdinnen solidarisch wissen. Der konkrete Fall zeigt vielmehr, daß es keineswegs Zufall ist, wenn hier Karl Pfeifer ausgewählt wurde, eine phantasierte Verschwörung von „Antinationalen“ zu personifizieren, die im Wahn des ArbeiterInnenstandpunkts, dem in Deutschland die Gruppe Arbeitermacht entspricht, von US-amerikanischen Neokonservativen bis zu linksradikalen Antideutschen reicht und einem „US-imperialistischen Griff nach der Weltherrschaft“ dient.

Eines geht nämlich den Linken, die zur deutsch-österreichischen Volkgemeinschaft stehen, über alles in der Welt: die Zionisten zu verfolgen, und zwar jeden einzelnen, wo immer sich ein Jude zum Zionismus bekennt. Konsequent betitelt Michael Pröbsting seine Attacke auf Karl Pfeifer mit einem Zitat von Hoffmann von Fallersleben: „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“. Denunziant ist, wer das Land verrät, mit dessen Volksgemeinschaft man gemeinsame Sache macht — gegen die „Siegermächte“ des Zweiten Weltkriegs und deren „Kollektivschuld-These“; Denunziant ist, wem das deutsch-österreichische Vaterland nicht über alles geht — wer aus ihm beizeiten flüchten muß, um nicht ermordet zu werden. Wie im Schlaf findet der vom Haß getriebene Pröbsting die richtigen Gewährsmänner für seine pathischen Projektionen. Hoffmann von Fallersleben ist bekanntlich der Dichter der Deutschen Hymne: „Deutschland, Deutschland über alles, / über alles in der Welt, / wenn es stets zu Schutz und Trutze / brüderlich zusammenhält.“ Es hält aber unter bestimmten Umständen allein in der Verfolgung und Vernichtung eines gemeinsamen Feindes brüderlich zusammen — das hat derselbe Dichter in anderen Hymnen kundgetan, die im Diktum über den „Denunzianten“ immer mitschwingen: „Du raubtest unter unsern Füßen / Uns unser deutsches Vaterland (...) O Israel, von Gott gekehret, / Hast du dich selbst zum Gott gemacht, / Und bist, durch diesen Gott belehret, / Auf Wucher, Lug und Trug bedacht.“ Ja, Hoffmann von Fallersleben war ein Antizionist der allerersten Stunde: „... ewig soll dein Beten dauern / und um Israel dein Trauern / denn es hebt nie wieder an ...“. Daß es aber doch anhob, das können die Antizionisten den Juden nicht verzeihen. Und darum zitieren sie nicht nur Fallersleben, sondern auch Eichmann — ein weiterer Gewährsmann von Pröbsting —, der zwar als ein „Nazi-Schlächter“ und „Organisator der Deportationen der ungarischen Juden“ bezeichnet wird, aber für Pröbsting zitierbar ist, um die eigenen „Überlegungen“ auf „zynische Weise“ zu bestätigen. Der Haß auf die Zionisten ist so groß, daß offenbar auf die wortwörtliche Wiedergabe der Eichmann-Äußerung über Rezsö Kasztner nicht verzichtet werden kann: „Dieser Dr. Kastner war ein junger Mann etwa in meinem Alter, ein eiskalter Rechtsanwalt und fanatischer Zionist. Er war damit einverstanden, die Juden von einem Widerstand gegen die Deportationen abzuhalten — und sogar für Ordnung in den Sammellagern zu sorgen — wenn ich dafür mein Auge zudrücken würde und ein paar hundert oder ein paar tausend junge Juden illegal nach Palästina auswandern ließe. Es war ein guter Tausch. Um die Ordnung in den Lagern zu gewährleisten, war der Preis von 15.000 oder 20.000 Juden — letztlich waren es vielleicht sogar mehr — für mich nicht zu hoch.“

Zu Schutz und Trutz halten sie zusammen: Bringen die Rechtsextremen die Essenz dieser Gesellschaft und dieses Staats vor allem innenpolitisch zum Ausdruck, so die Linksextremen vorzugsweise außenpolitisch. Es ist also kein Zufall, daß sie in Österreich ein gemeinsames Feindbild haben: Karl Pfeifer, der 1943 vor der Vernichtung nach Palästina flüchtete, 1946 bis 1950 in der Elitetruppe Palmach und in der israelischen Armee kämpfte und nach seiner Rückkehr nach Österreich 1982 bis 1995 Die Gemeinde, das offizielle Organ der jüdischen Gemeinde in Wien, redigierte. Er hat dabei in seinen Stellungnahmen und Entscheidungen eine in Österreich ganz ungewöhnliche Autonomie innerhalb der politischen Konstellationen behauptet, und darum auch sieht er die „verfolgende Unschuld“ der postnazistischen Volksgemeinschaft, die sich hier auf der rechten wie auf der linken Seite formiert, besonders deutlich. (In deren Denunziation trifft er sich mit wesentlichen Positionen, wie sie im Umkreis des Café Critique vertreten werden, dessen Kritik der politischen Ökonomie und radikale Staatskritik ihm vermutlich eher fern liegen.) Seine Antwort auf Pröbstings Anwürfe, die sachlich bleibt, wenn es um die Geschichte des Zionismus und Israels geht, und doch den Wahn aufdeckt, der hinter den „sachlichen“ Argumenten Pröbstings steckt, ist dafür ein weiteres Beispiel („Die dünne und durchsichtige Maske des Mag. Michael Pröbsting“ juedische.at). Für ihn selbst ergibt sich demnach nichts Neues über seine Position in Österreich: „Rechtsextremisten dürfen mich als moralischen Mörder hinstellen und Linksradikale mich als Mörder denunzieren und sie tun das auch, ohne befürchten zu müssen, dass die öffentliche Meinung sich darüber empört.“

Café Critique kann und will für diese öffentliche Meinung nicht einspringen, aber die sich hier zusammengefunden haben, wissen sich einig in ihrer unbedingten Solidarität mit Karl Pfeifer gegen seine rechten und linken Verfolger.

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Karl Pfeifer (2008)

Karl Pfeifer (* 22. August 1928 in Baden bei Wien) ist ein österreichischer Journalist.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Pfeifer floh 1938 mit seinen Eltern nach Ungarn, wo er 1940 der sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation Haschomer Hatzair beitrat. Noch vor der deutschen Besetzung Ungarns im Zweiten Weltkrieg am 5. Januar 1943 gelang ihm als einem unter 50 Jugendlichen und Kindern auf abenteuerliche Weise die Flucht nach Palästina. Er lebte in einem Kibbuz, diente ab 1946 in der Elitetruppe Palmach und nach der Staatsgründung Israels bis 1949 in der israelischen Armee.

1951 kehrte er nach Österreich zurück. Von 1982 bis 1995 war er Redakteur der Gemeinde, des offiziellen Organs der Israelitischen Kultusgemeinde Wien.

In dieser Funktion wies er 1995 in einem Artikel darauf hin, dass der Politologe Werner Pfeifenberger im Jahrbuch der Freiheitlichen Akademie „Nazitöne“ anschlage, da er das Hitlerregime verharmlose und den Juden vorwerfe, Hitler-Deutschland 1933 zum Krieg herausgefordert zu haben. Pfeifer wurde daraufhin von Pfeifenberger verklagt und in zwei Instanzen freigesprochen. Nachdem im Jahr 2000 die Wiener Staatsanwaltschaft Anklage wegen „nationalsozialistischer Wiederbetätigung“ gegen Pfeifenberger erhoben hatte, beging dieser Suizid.[1] Der Herausgeber der rechten Zeitschrift Zur Zeit, Andreas Mölzer, betitelte Pfeifer daraufhin in einer Aussendung an seine Abonnenten als „Teil einer Jagdgesellschaft“, die Pfeifenberger „in den Selbstmord getrieben“ habe – der „jüdische Journalist“ habe die „juristische Lawine gegen Pfeifenberger“ ausgelöst. Pfeifer klagte nun auf Entschädigung und wurde damit bei den österreichischen Gerichtsinstanzen abgewiesen. Am 15. November 2007 bekam Pfeifer vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen Verletzung der Achtung seines Privatlebens nach Artikel 8 Recht gesprochen; zugleich wurde die Republik Österreich zu 5.000 Euro Entschädigung für die – durch das Versäumnis der Gerichte entstandene – immaterielle Schädigung verurteilt.[2][3]

Seit Anfang der 1990er Jahre und bis 2005 arbeitete Pfeifer als Wiener Korrespondent des israelischen Radios und als freier Journalist des monatlich erscheinenden antifaschistischen Londoner Magazins Searchlight sowie des jüdischen Internetmagazins haGalil.

Im Jahr 2008 produzierten Mary Kreutzer und Thomas Schmidinger für die Gesellschaft für kritische Antisemitismusforschung einen Dokumentarfilm über sein Leben: Zwischen allen Stühlen. Lebenswege des Journalisten Karl Pfeifer.[4][5]

Pfeifer hat unter anderem jahrzehntelang dokumentiert, wie stark antisemitisch grundierter Nationalismus Ungarn geprägt hat.[6]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monografien

  • Nicht immer ganz bequem ... Verlag Der Apfel, Wien 1996, ISBN 3-85450-151-X.
  • mit Theodor Much: Bruderzwist im Hause Israel: Judentum zwischen Fundamentalismus und Aufklärung. K & S, Wien 1999, ISBN 3-218-00667-8.
  • Einmal Palästina und zurück: Ein jüdischer Lebensweg. Edition Steinbauer, Wien 2013, ISBN 978-3-902494-62-7.
  • Immer wieder Ungarn. Autobiographische Notizen, Nationalismus und Antisemitismus in der politischen Kultur Ungarns – Texte 1979 bis 2016. Edition Critic, Berlin 2016, ISBN 978-3-946193-10-4.

Sonstiges

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Roland Kaufhold: Pfeifer gegen Pfeifenberger. Die Kämpfe eines österreichischen Journalisten und Shoah-Überlebenden. In: Neues Deutschland, 25./26. August 2018, S. 27
  2. Harald Fidler: Nach Menschenrechtsgericht noch einmal durch Instanzen. Der Standard, 13. Mai 2008, S. 18
  3. Urteil des EGMR vom 15. November 2007
  4. Website des Films (Memento des Originals vom 2. Mai 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/film.antisemitismusforschung.net
  5. Filmrezension von Roland Kaufhold auf haGalil, 2. August 2011
  6. sueddeutsche.de / Oliver Das Gupta: Rezension zu Pfeifers 2016 erschienenem Buch.
  7. Dankesrede von Karl Pfeifer hagalil.com, 4. Dezember 2003, abgerufen am 29. November 2012
  8. wird am 4. Juli 2018 verliehen - persönliche Mitteilung
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